unterwegs / en camino
Margit FEYERER-FLEISCHANDERL

 

Mexiko, 30. April bis 4. Juni 2016

Der Bericht

Dienstag, 17. Mai 2016. Ich sitze in einem recht geräumigen Häuschen mitten in Mexiko und versuche zu rekonstruieren, wie es dazu gekommen ist.

Die erste diesbezügliche Begebenheit ist ein aufwändiges Abendessen bei einer etwas versteckt im Mühlviertel residierenden pensionierten Landesschulrätin im Spätsommer 2014, zu dem mir die beruflichen Verbindungen meines Ehemannes verhelfen. Der Abend verläuft anfangs etwas steif, man labt sich an delikaten Brötchen und erlesenem Weißwein, der die Stimmung bald auflockert und ein angeregtes Gespräch mit einem weiteren Gast des Hauses begünstigt. Dr. Ilse Brunner, eine langjährige Freundin der Gastgeberin, erweist sich als humorvolle, dem großen Ganzen gegenüber aufgeschlossene Dame, deren Lebensmittelpunkt sich derzeit in Mexiko befindet. Man tauscht sich aus, entdeckt Gemeinsamkeiten, berufliche und weltanschauliche Übereinstimmungen und verabschiedet sich zu fortgeschrittener Stunde mit dem Vorsatz in Kontakt zu bleiben, die eine oder andere Idee des Abends weiter zu entwickeln und eventuell in die Tat umzusetzen.

Es folgte ein Atelierbesuch der beiden Damen, man trinkt Espresso, unterhält sich abermals recht angeregt, diesmal über meine Arbeit, verabschiedet sich und hört einige Monate nichts voneinander.

Anfang 2015 lädt mich Frau Brunner ein, in Mexiko auszustellen. Es gebe da einen sehr schönen Ausstellungsraum im Centro Cultural Antiguo Colegio Jesuita, einem ehemaligen Kloster im Zentrum von Pátzcuaro, das sich zum florierenden Kulturzentrum der Stadt entwickelt habe. Spontan und ohne mir der Tragweite meiner Entscheidung wirklich bewusst zu sein, sage ich zu.

Die Vorbereitung

Wie aufwändig das Projekt werden würde, stellt sich schon bald heraus. Ein Konzept muss geschrieben werden, Förderanträge gestellt, Kostenschätzungen kalkuliert, Termine gefunden, Texte übersetzt, … Ilse Brunner erweist sich in dieser Entwicklungsphase als sehr umsichtige und kreative Kontaktperson.

Auch die nicht unwesentliche Transportfrage gilt es zu klären. Aufgrund der hohen Kosten kommt eine Kunsttransportfirma nicht in Frage. Nach intensiven Recherchen sowohl im Internet als auch im Baustoffhandel entscheide ich mich für den Kauf zweier stabiler Flightcases. Die empfindlichen Keramikskulpturen würden die lange Reise in einem gepolsterten Trolley – hoffentlich - heil überstehen und für die Zeichnungen bestelle ich eine 164 cm lange, flugtaugliche Kiste, in der sämtliche gerollten Großformate Platz finden würden.

Jetzt gilt es noch, einen günstigen Flug zu finden. Um ein mehrmaliges Ein - und Ausladen zu vermeiden beziehungsweise das Schadensrisiko zu minimieren, suche ich nach einem Direktflug. Die einzige direkte Verbindung zwischen Mitteleuropa und Mexico City wird von Lufthansa bedient.

Die Hinreise

Samstag, 30. April 2016

Im Grunde verläuft die Reise nach Mexico reibungslos. Die Kiste mit den Zeichnungen passt entgegen meinen Befürchtungen in unser Auto, auch der Trolley für die Figuren sowie die beiden Koffer haben bei umgeklappten Rücksitzen problemlos darin Platz. Auch die Fahrt nach München verläuft komplikationslos, der befürchtete Grenzstau bleibt uns erspart, und beim Einchecken meines Übergepäcks darf ich meine Vorurteil gegenüber Deutschen Beamten revidieren, der Mann am Lufthansaschalter ist freundlich und entgegenkommend, der Transport meiner Arbeiten nach Mexiko City kostet mich beziehungsweise dem Außenministerium relativ günstige 450.- Euro.

LH 520 hat Gegenwind und landet mit einer halben Stunde Verspätung um 04:30 am Benito Juarez Airport. Die Ankunft im Morgengrauen ist eigentlich eine Zumutung für unser Empfangskomitee, doch weder Herr Rainer vom Österreichischen Kulturforum noch Ilse Brunner und ihr Fahrer lassen sich etwas anmerken. Herr Rainer erwartet uns noch vor der Einreisekontrolle, führt uns zum Diplomatenschalter, der müsste schon besetzt sein, ist er aber nicht, kein Problem für Herrn Rainer, auch der Beamte am Einreiseschalter erhält seinen Obolus und zügig geht es weiter, vorbei an der Warteschlange in der wir jetzt auch stehen würden, wäre da nicht der erfahrene Herr von der Botschaft. Herr Rainer hat gute Vorarbeit geleistet, wir eilen geradewegs zum Gepäcksband. Da liegt schon – elegant und unübersehbar - die Kiste.

Auch der gewichtige Trolley mit den Figuren und der blaue Koffer meines Mannes lassen nicht lange auf sich warten, nur mein neuer roter Samsonite kommt nicht und nicht daher.

Längst ist das Sperrgut auf Gepäckswagen verstaut, die Kiste wird von Herrn Rainer höchstpersönlich aufrecht auf einem separaten Wagen platziert...

Das nicht erscheinen meines Koffers verzögert die Ankunftsprozedur.

Als wir schließlich mit komplettem Gepäck den Ankunftsbereich des Benito Juarez International Airport betreten ist es etwa halb sechs und Ilse Brunner und ihr Fahrer sind zum Glück immer noch da.

Meine Anregung, wegen der ungewöhnlichen Maße der Kiste einen Dachträger oder einen Transportanhänger oder einfach ein größeres Auto zu organisieren, wurde verworfen. Ilse und ihr Fahrer sind in einem gängigen Pkw angereist und sämtliche Versuche, die Kiste darin zu verstauen, sind vergeblich.

Nach einigem hin und her wird beschlossen, Ewald, die Figuren und das restliche Gepäck im Pkw zu befördern. Ilse, die Kiste und ich werden den Bus nach Pátzcuaro zu nehmen. Ein Großtaxi amerikanischer Bauart, in dem das gute Stück problemlos Platz hat, befördert uns im Frühverkehr zur Busstation Observatorio. Dort herrscht noch beschauliche Ruhe, die ersten Imbissstände sperren auf, wir gönnen uns ein kleines Frühstück, die Kiste liegt neben uns, dann stelle ich sie auf, mache Fotos von diesem eleganten Fremdkörper, der es bis nach Mexiko geschafft hat. Die Zeit vergeht schnell, die Müdigkeit hält sich in Grenzen, Ilse kauft Tickets, das Sperrgepäck wird im geräumigen Busbauch verstaut. Nach vier beschaulichen Stunden kommen wir schließlich am Busbahnhof von Pátzcuaro an. Wie gewohnt erregt die Kiste Aufsehen, passt natürlich in kein normales Taxi aber mit einem „Mixta“ mit offener Ladefläche ist auch der allerletzte Teil der Hinreise ein lösbares Problem.

Sonntag, 1. Mai 2016

Die Ausstellung wird schon im Vorfeld gut beworben, Ilse und ihre Tochter Daphne haben ganze Arbeit geleistet. An strategisch wichtigen Stellen in ganz Pátzcuaro hängen Plakate, Flyer liegen auf, Einladungen wurden per Mail verschickt und vor dem Eingang des Colegio Jesuita wirbt ein großes Plakat für das bevorstehende Ereignis.

Die Hängung der Ausstellung

Dienstag, 3. Mai 2016

Nachdem mir schon im Vorfeld ein Grundrissplan des Sala Alfredo Zalce - samt Maßen und Position der Mamparas - geschickt wurde, konnte ich die Ausstellung gut vorbereiten. Die Realität bietet zwar oft Überraschungen, so auch in diesem Fall aber mit etwas Flexibilität ist alles kein Problem.

Zwei Mitarbeiter des Colegio schreiten erschreckend forsch zur Tat und behandeln die Zeichnungen alles andere als zimperlich, doch wenn man es nicht zu sehr malträtiert ist Papier geduldig und auch ich schaffte es, ruhig zu bleiben. Die Zeichnungen sind ja fixiert, für allfällige Fingerabdrücke und Verwischungen habe ich den großen Radierer eingepackt und eventuelle Risse kann ich mit dem extradünnen Klebeband behandeln.

Die beiden Herren machen ihre Sache gut. Dies ist offensichtlich nicht ihre erste Hängung und meine Anweisungen werden strikt befolgt. Daphne fungiert als Übersetzerin und kümmert sich hingebungsvoll um die Glättung diverser Papierwölbungen. Besonders das dickere Papier erweist sich als überaus widerspenstig, ein Zustand, dem nur mit viel Klebeband beizukommen ist.

Die Positionierung der Figuren ist dann auch kein Problem mehr, genügend Podeste sind vorhanden, in etwa drei Stunden ist die Hängung vollendet und das Resultat kann sich sehen lassen.

Interessant: Am Vortag der Eröffnung ist das von CREFAL gestiftete Ausstellungsplakat vor dem Eingang des Colegio nicht mehr zu sehen denn auf dem weitläufigen Vorplatz steht ein riesiges, weißes, Zelt. Warum und wozu scheint niemand zu wissen, auch die Leute vom Colegio geben sich ahnungslos. Langsam sickert durch, dass es sich um eine Lebensmittelmesse handeln und der Platz am nächsten Tag wieder frei sein würde. So ist es dann auch. Zur Eröffnung der Ausstellung ist mein Plakat wieder weithin sichtbar. Der - von der Messe übrig gebliebene - Blumenschmuck wird kurzerhand zur Dekoration des Buffets verwendet und dient danach noch einige Tage als hübscher Tischschmuck in meiner gemütlichen Casita.

Die Eröffnung

Am Freitag, 6. Mai um 19:00 ist es dann so weit. Zeitgleich werden drei Ausstellungen eröffnet: im benachbarten Sala Gilberto Ramirez zeigt Eulalia Nieto schwarzweiße Radierungen, in den zwei kleineren Sälen gegenüber hängen farbintensive, teilweise großformatige Gemälde eines älteren Künstlerkollegen.

Einstweilen sind die Türen zu den Ausstellungsräumen noch fest verschlossen.

Immer mehr Menschen versammeln sich am Gang. Einige sind mir schon bekannt, auch Derli, der Chef des Colegio, ist schon da, er unterhält sich angeregt mit einem älteren Herrn mit Hornbrille, man steht herum, wartet, liest die, neben den Türen angebrachten Künstlerbiografien, plaudert... wenn nicht bald was passiert, werden die Leute wieder gehen... aber nein, so schnell gibt man nicht auf, schon gar nicht in Mexiko. Außerdem wartet das Buffet, Bocadillos, Wein und Saft sind ein triftiger Grund zu bleiben und zu sehen gibt es schließlich auch noch was. Endlich erhebt Derli das Wort, ich verstehe kaum etwas, nehme an, dass er sagt, was man in so einer Situation zu sagen pflegt. Dann spricht Eulalia zu Ihrer Ausstellung. Sie erwähnt die Liebe zu ihrem Garten und zu ihrer Mutter, verdrückt ein paar Tränen, während ich - wie so oft in angespannten Situationen - heftig zu schwitzen beginne.

Jetzt bin ich an der Reihe. Wie ausgemacht tue ich auf Deutsch meine Freude über das hier sein, den schönen Saal, das schöne Haus und das zahlreiche Erscheinen kund. Ilse übersetzt, sagt noch ein paar Worte zum zustande kommen des Projektes, bedankt sich beim österreichischen Kulturforum in Mexiko, beim Land Oberösterreich und bei der Stadt Linz für die Unterstützung und gibt das Wort an den Herrn mit der Hornbrille weiter. Der beginnt, einen mehrseitigen Aufsatz über den neben ihm stehenden älteren Künstlerkollegen und Schöpfer der Gemälde von Gegenüber, zu verlesen. Der künstlerisch - biografische - Werdegang des umtriebigen Mannes wird mit philosophischen Statements untermauert. Wegen meiner rudimentären Spanischkenntnisse entgehen mir einige Passagen der Ausführungen, dass er schon als Jugendlicher von seiner Kunst leben konnte, amerikanische Banken und Versicherungen ebenso wie etliche wohlhabende Privatpersonen diesseits und jenseits der Grenze zu seinen Kunden zählen, habe ich aber verstanden.

Leider ebenfalls entgangen ist mir, wie er das geschafft hat.

Nach fünf Seiten ist die Rede vorbei, das Publikum klatscht freundlich, endlich gehen die Türen auf und die Leute verschwinden in den Sälen.

Wie überall in Mexiko dominieren auch hier, in Michoacán kräftige Farben, ich bin daher gespannt, wie die Leute auf meine Zeichnungen und die reduzierte Farbigkeit der Skulpturen reagieren werden.

Sehr gut und angenehm überrascht, wie sich bald herausstellt.

So etwas habe man hier noch nie gesehen.

Samstag, 7. Mai

Ilse hat Geburtstag, gefeiert wird bei einer befreundeten Familie. Hausherr Fernando arbeitet als Professor an der Uni, seine quirlige Frau ist Lehrerin und ihr musisch begabter, sechzehnjähriger Sohn Matteo liebt Katzen, verbringt viel Zeit mit seiner scheuen Freundin, deren Augenaufschlag auch mich nachhaltig beeindruckt, lernt eifrig Französisch und dürfte seinen stolzen Eltern noch viel Freude bereiten. Die Familie lebt in einem hübschen Steinhaus, das sich auch in Südfrankreich gut machen würde. Das Gebäude ist von keiner Mauer umgeben, lediglich ein verwachsener Zaun trennt das großzügige Grundstück vom Wald und von der neuen Autobahn nach Morelia. Auch Eulalia und ihr Mann sind gekommen, man isst Mole mit Bohnen, Huhn, Reis und Tortillas. Kaffee und die Torta Tres Leches werden nach einem, vom Geburtstagskind urgierten, ausgedehnten Waldspaziergang im Garten eingenommen. Das von Daphne bestellte Musikertrio ist zum Duo geschrumpft gibt volkstümliche Weisen zum Besten und nimmt auch Musikwünsche entgegen. Es wird kräftig mitgesungen, zur Feier des Tages werden Tanzbeine geschwungen...dann klingt der Nachmittag langsam aus. Eulalia und ihr Gatte verabschieden sich, Matteo und Freundin haben sich zu den Katzen verzogen, auch die Musiker reisen nach getaner Arbeit ab und wir machen uns in der Abenddämmerung auf den Rückweg nach Pátzcuaro.

Sonntag, 8. Mai

Ausflug auf die Insel

Ein mit mexikanischen Sonntagsausflüglern gut gefülltes Boot bringt uns, nachdem wir die Inszenierung der in ihren Booten auf Kundschaft wartenden Scheinfischer fotografiert und adäquat honoriert haben, zur Isla de Janitzio. Dicht bebaut, mit unzähligen kleinen Läden, die alle so ziemlich das selbe zum Kauf anbieten, zwei Basketballplätzen, einer schiefen Kirche samt Friedhof und einer riesigen Statue von José María Morelos y Pavón, dem Mann mit dem Kopftuch, liegt sie mitten im Pátzcuarosee. Morelos war Priester und eine herausragende Führungspersönlichkeit im Kampf um die Unabhängigkeit Mexikos. Seit 1932 steht sein monströses steinernes Abbild mit hoch erhobenem Arm auf dem erloschenen Vulkankegel. Im Inneren des Monuments kann man die reichlich bebilderte Geschichte dieses Nationalhelden bis in sein Handgelenk erwandern, was wir, wie alle anderen Ausflügler auch, tun.

Im Unterarm des steinernen Helden staut es sich. Alle wollen ins Handgelenk.

Endlich ist es so weit, ich zwänge mich bei ständigem Gegenverkehr über ein schmales Treppchen auf eine enge Plattform. Von hier aus könnte man zu einem der Gucklöcher vordringen und durch verschmierte Fensterscheiben in die Landschaft spähen, worauf ich verzichte.

Vorbei an erwartungsvoll nach oben drängenden Ausflüglern und geschichtsträchtigen Bildern geht es wieder hinunter auf den harten Boden der Tatsachen. Mittagshitze, Müll, müde Touristen, verwaiste Verkaufsstände, leere Lokale. Das nächste Boot zurück nach Pátzcuaro ist mit erschöpften Inselbesuchern gut gefüllt, Musiker halten mit gezückten Instrumenten nach willigen Zuhörern Ausschau, eine fidele Überfahrt ist das letzte Highlight des Tages.

Montag, 9. Mai

Auch CREFAL feiert Geburtstag. Auf 65 bewegte Jahre kann die Organisation zurück blicken.

Nach dem Auftritt einer mit Blasmusikbegleitung paradierenden Kindergruppe werden Reden geschwungen, Mitarbeiter geehrt... Am Nachmittag steigt eine Party. In einem großen weißen Zelt im weitläufigen Garten der CREFAL Residenz haben fein herausgeputzte CREFAL MitarbeiterInnen und FunktionärInnen an weiß gedeckten Tischen Platz genommen.

Auf der Bühne bringt sich eine Männercombo in Stellung. Die Herren in Schwarz intonieren populäre Weisen, die zwei neckischen Damen in Rot wiegen ihre Hüften dazu und die langbeinige Sängerin gibt vermutlich auch ihr Bestes.

Dann kommt das Essen.

Tabletts mit beigebraunen Fleischbergen samt Fettschwarten werden zu den Tischen geschleppt.

Schweinernes. Eine Spezialität, die man sich gern auf den Plastikteller lädt. Plastikbecher in verschiedenen Größen, Plastikbesteck und Plastikflaschen mit Limonaden stehen auf den Tischen bereit. Nach dem Essen verschwindet alles in großen schwarzen Plastiksäcken. Bewegungshungrige Gäste wagen sich aufs Tanzparkett während die Faulen ihre Verdauung mit Mescal und Tequila in die Gänge bringen.

Dienstag, 10. Mai

Ausflug nach Tiripetio. Die Entscheidung, die ursprünglich in diesem, etwa 40 km von Pátzcuaro entfernten Städtchen geplante, zweite Ausstellung abzusagen, war wohl richtig. Das örtliche Kloster ist zwar hübsch renoviert, aber die großen Zeichnungen hätten nicht in die Ausstellungsräume gepasst und der zeitliche und logistische Aufwand wäre nicht in Relation zum voraussichtlichen Besucherandrang gestanden. Der verschlafen wirkende Ort ist in den letzten Jahren immer wieder wegen gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen Studenten und der Polizei in die Schlagzeilen geraten, eine Tatsache, die potentielle Ausstellungsbesucher eher abschrecken dürfte.

Mittwoch 11. Mai

Ruhetag in Pátzcuaro, Ausstellung dokumentieren, den hübschen Ort erkunden…

Donnerstag, 12. Mai

Wir sind zum Essen eingeladen. Um 13:00 machen wir uns auf den Weg. Treffpunkt ist eine Kreuzung auf halbem Weg nach Morelia. Wir sind pünktlich vor Ort, unser Gastgeber ist nirgends zu sehen. Wir warten, es staubt, Müll liegt herum, auch an der Bushaltestelle gegenüber wird gewartet, die junge Frau wird bald abgeholt. Ilse versucht vergeblich, den Gastgeber telefonisch zu erreichen. Trucks rauschen vorbei, dunkle Wolken türmen sich über den Bergen, die karge Landschaft könnte etwas Regen vertragen. Der Mai ist hierzulande der trockenste Monat und die Zeit der Brandrodungen, mittels derer Platz für neue Avocadoplantagen geschaffen wird. Rauch und Feinstaub liegen in der Luft. Auch die Autos stinken in Mexiko anders, intensiver. Das Benzin ist billiger, enthält weniger Oktan und Katalysatoren haben nur die dicken Autos der Reichen. Aber in der Regenzeit würde sich das Blatt wenden, von einer blühenden Pracht sei man dann überwältigt, die Luft werde reingewaschen und die Müllhalden würden von üppigem Grün überwuchert.

Unser mäßig verspäteter Gastgeber - sein Auto hat einen Katalysator - lotst uns über holprige Straßen durch verwinkelte Dörfer, über etliche natürliche und künstliche Schwellen, - (oft regulieren nicht gekennzeichnete, scheinbar willkürlich die Straßen querende Betonwülste die Geschwindigkeit und strapazieren die Stoßdämpfer der Autos bzw. die Bandscheiben der Fahrgäste) – zu seinem versteckten Anwesen.

Da ist ein Feldweg, Gebüsch und eine hohe, ockerfarbene Mauer mit einem ebenso hohen, im landestypischen Rotbraun gehaltenen Holztor. Dahinter verbirgt sich ein wehrhaftes, ockerfarbenes Gebäude. Die schwere Eingangstür steht offen, drinnen erwarten uns Frau, Tochter und Bruder des sichtlich stolzen Gastgebers. Der Tisch ist gedeckt, zur Stärkung stehen Mescal, Tequila und Rotwein bereit, auch Jugo zum Verdünnen des Alkohols und Wasser gibt es. Die hübsche Tochter spricht Englisch, der gehörlose Sohn, dem wir die Einladung eigentlich zu verdanken haben, schläft noch. Trotz Handicap studiert er Architektur, hat bei den Special Olympics eine Medaille erschwommen, schreibt an seiner Masterarbeit über behindertengerechte Schulen und erhofft sich Kontakte zu sachkundigen Personen und Institutionen in Europa bzw. in Österreich.

Wir essen Mole, Tortillas, Bohnen und Reis. Nach dem Essen gibt es eine kleine Diaschau über den bisherigen Werdegang des Sohnes, die Tochter zeigt mir ihre selbst gemalten Bilder. Später packt der Onkel, ein pensionierter Arzt und leidenschaftlicher Sänger, seine Gitarre aus. Auch der Hausherr singt gern. Mit viel Inbrunst werden uns folkloristische Lieder vorgetragen. Wegen der massiven, mit Vorhangschlössern gesicherten Fenster und der sich davor erhebenden Mauern ist es zwar etwas düster im großzügigen Wohnraum der Wochenendresidenz, die Stimmung leidet aber keineswegs unter dem Lichtmangel.

Die bequeme Sitzgruppe in der Ecke wird von einem ausgestopften Emu bewacht.

Ilse schlägt einen Spaziergang vor, alsbald machen und wir uns geschlossen auf den Weg. Durch ein weiteres wehrhaftes Tor verlassen wir das Grundstück und umrunden auf einem von Zäunen gesäumten Weg das ebenso gut gesicherte, großzügige Nachbargrundstück samt Ententeich, Pferdekoppel und gut ausgestattetem Kinderspielplatz. Dahinter beginnt die nicht eingezäunte Wildnis. Ich plaudere mit der Tochter, sie fühlt sich nicht sehr wohl hinter all den Mauern, ist aber an den Wochenenden gern hier, die Wochen verbringt sie wie der Rest der Familie im, mit dem Auto nur eine halbe Stunde entfernten, Morelia.

Nach dem Spaziergang gibt es Kaffee, Kuchen sowie diverse Schnäpse und dann geht’s ans Abschied nehmen. Ilse sagt, sie würde den Rückweg alleine finden, der Gastgeber besteht darauf, uns bis zur Hauptstraße zurück zu lotsen.

Der Rest des Weges nach Pátzcuaro ist bereits Routine.

Freitag, 13. bis Montag,16. Mai

Mexiko City. Der Moloch zeigt sich von seiner Schokoladenseite. Riesige Parks, schöne Museen, beeindruckende Tempelanlagen, Menschenmassen auf den touristischen Trampelpfaden, auf dem Zocalo weht eine riesige Staatsflagge und am Sonntag sind einige Straßenzüge für Autos gesperrt, dafür wird geradelt, was das Zeug hält.

Dienstag, 17. Mai

Ruhetag.

Mittwoch, 18. Mai

Wie angekündigt kommt der Schlosser schon knapp nach acht und begutachtet die vermeintlich kaputte Küchentür. Einmal kräftig ziehen und schon tut sich mir ein direkter Zugang zum hübschen Garten der an sich gut gesicherten CREFAL Wohnanlage auf, in der ich dankenswerterweise wohnen kann.

Der Garten wird hörbar gut gepflegt. Der nach den ersten Niederschlägen der diesjährigen Regenzeit erst seit Kurzem zaghaft sprießend Rasen wird akkurat getrimmt, die Bäume bekommen einen zackigen Schnitt, das amputierte Geäst wird von gut gelaunten Arbeitern auf einem Laster deponiert. Ich verstehe zwar kaum ein Wort aber so wie sich das anhört, herrscht bei den CREFAL Gärtnern ein gutes Betriebsklima.

Die frühe Stunde und die praktische Abwasch habe ich heute zum Wäschewaschen genutzt, die nötigste Garderobe trocknet nun im sonnigen Innenhof meines Häuschens, das eigentlich wesentlich größer ist, als es sich anhört. Ein Wohnzimmer mit einer Kochnische und seit Neuestem einem direkten Zugang zum Garten, zwei Schlafzimmer, Bad und ein als Ankleideraum dienendes Kabinett stehen mir zur Verfügung und ermöglichen mir ein recht komfortables hier sein.

Draußen ist Ruhe eingekehrt, der Laster steht noch vor meiner Tür, die langstielige Heckenschere hängt einsatzbereit im Geäst, von den Gärtnern ist nichts zu sehn.

Es ist 11:00, um 15:00 beginnt mein Workshop im Excolegio, Tür an Tür zu meiner Ausstellung. 13 Leute haben sich angemeldet, aus Platzgründen haben wir maximal 10 Teilnehmer vorgesehen, für die übrigen 3 wird sich auch noch irgendwo ein Plätzchen finden, man ist ja flexibel.

Ich werde mein bestes Englisch auspacken und versuchen, den Teilnehmern von meinem eigenen Zugang zum Modellieren zu berichten und Spaß am Umgang mit feuchter Erde zu vermitteln. Als Quell der Inspiration werde ich bei Bedarf meine Ausstellung, den Katalog sowie die ebenfalls im Haus befindliche und überaus sehenswerte Dauerausstellung von teilweise antiken Masken aus Michoacán und Umgebung empfehlen. Das wäre mein Plan, wie die Wirklichkeit aussieht, wird sich zeigen.

12:43 ist es geworden, die Gärtner pausieren nach wie vor und ich werde langsam nervös. Was ziehe ich an? Was nehme ich mit? Die Kataloge - aber nicht alle, langsam gehen sie zur Neige und ich brauche sicher noch ein paar Geschenke.

13:20, die Gärtner sind wieder aktiv und ich gehe mir jetzt die Zähne putzen.

Ilse wird mich gleich abholen und zum Workshop transportieren.

Donnerstag, 19. Mai 2012

Es ist schon zwölf. Im Schatten eines mächtigen, mir namentlich nicht bekannten Nadelbaumes lässt es sich trefflich arbeiten. Vogelgezwitscher, am angrenzenden Sportplatz jubeln Teenager. Irgendwo lärmt eine Motorsäge und ab und zu fährt ein heulender Güterzug vorbei. Es gibt keine Bahnschranken und die unglaublich langen Züge haben einen ebenso langen Bremsweg, die Bevölkerung muss also Tag und Nacht vor den herannahenden Ungetümen gewarnt werden.

Langsam erreicht mich die Mittagssonne. Ich werde meinen Standort verändern bzw. den Gartentisch verrücken oder aber ins Haus zurückkehren müssen. Die umsichtige Putzfrau war da und hat meine mit der Tagesdecke, zwölf Katalogen und dem dicken Mexikoreiseführer gebastelte Lichtschutzinstallation dankenswerterweise nicht angerührt. Ohne sie wäre meine Nachtruhe weit weniger angenehm denn direkt vor dem Schlafzimmerfenster steht eine Straßenlampe.

Einkaufen war ich heute auch schon, der nahe Markt bietet eine reiche Auswahl an Obst und Gemüse, auch die angebotenen Käse und das Brot sind nicht zu verachten. Am Abend, nach getanem Workshop, werde ich mir gebratenen Reis mit Gemüse machen.

Zuvor werde ich noch Guthaben für mein Wertkartentelefon erstehen und die Postkarten sollte ich irgendwo aufgeben, fast hätte ich darauf vergessen.

18:00 Tag zwei des Workshops ist vorbei. Ich bin frisch geduscht, habe heute keine abendlichen Verpflichtungen und werde wohl früh zu Bett gehen.

Es ist schon eine Weile her, seit ich meine letzten Figuren modelliert habe. Die Teilnehmer sind eine bunt zusammen gewürfelte Truppe, gleichviel Männer wie Frauen und auch die Tochter von Carlos, dem Fahrer, der mich hoffentlich samt schwerem Gepäck wieder nach Mexiko City und zum Flughafen bringen wird, modelliert emsig mit.

Am Abend sind wir bei einer weit gereisten Dame zum Essen eingeladen. Von ihrem großzügigen Haus blickt man auf den See, die Vulkane, das idyllische Hügelland und seit kurzem auf die Gartenmauer des Nachbarn. Lucille lebt allein, mag Hunde aber keine Mauern. Ihr Grundstück ist theoretisch frei zugänglich, wird aber in der Praxis von ihren fünf vierbeinigen Freunden lautstark gesichert.

Sonntag, 22. Mai

Diesmal führt uns der Sonntagsausflug zunächst in ein Dorf, dessen Bewohner sich anschicken, einen Feiertag zu zelebrieren, danach besuchen wir eine beeindruckende Pyramidenanlage und fahren dann durch Avocadoplantagen weiter nach Uruapan, Michoacáns Avocadohauptstadt. Dort gibt es einen üppig grünen Nationalpark mit Wasserfällen, Wasserspielen und einem waghalsigen Wasserspringer. Den erst 1942 entstandenen Vulkan Paricutin betrachten wir von einer Aussichtsterrasse aus, den Ritt zur Kirche im Lavafeld verweigere ich. Erstens bin ich noch nie auf einem Pferd gesessen, zweitens hängen bedrohlich schwarze Gewitterwolken über der Landschaft und außerdem sind mir die Purepechafrauen in ihren farbenfrohen Plissierröcken, die berittenen Bauern, die staubigen Straßen, die schönen Kirchen, der Friedhof mit den nackten Gräbern und der Ausflug als Ganzes Eindrucksvoll genug.

Auf der Heimfahrt durchqueren wir ein Kriegsgebiet mit Straßensperren und ausgebrannte Autos, werden von schwer bewaffneten Zivilmilizen kontrolliert, dürfen aber, vorbei an Müllhalden in idyllischer Landschaft unbehelligt nach Pátzcuaro zurückkehren.

Dienstag, 24. Mai 2016

Der Workshop ist vorbei, wegen der vielen Einladungen ist das im Kühlschrank vor sich hin welkende Gemüse noch immer nicht verkocht und die Zeit verrinnt wie im Flug.

Um 11 gibt es ganz in der Nähe ein Konzert, mein Wasserkanister ist leer, die Zähne müssen geputzt werden und am Nachmittag werde ich mich dem Bericht widmen. Um halb 6 geht’s dann zur nächsten Einladung. Mit dem Gemüse werde ich wohl oder übel Ilses Kompost anreichern.

13:44

Das Konzert ist den Besuch wert, den Ort des Geschehens zu finden ist allerdings nicht ganz einfach. Ich will die Suche schon aufgeben und stattdessen das Purepechamuseum besuchen, entdecke aber dann ein Plakat samt eindeutigem Veranstaltungshinweis, folge einem unscheinbaren ‚Teatro’ Schild, erklimme einen steinigen Weg und stehe schließlich vor einer riesigen Halle mit zwei seitlichen Eingängen. Die Kassa ist unbesetzt, kein Mensch zu sehen, der angrenzende Raum entpuppt sich als Konzertsaal mit einer großzügigen Bühne, auf der ein junger Mann mit Gitarre einführende Worte spricht, deren Sinn sich mir großteils erschließt, was nicht allzu schwer ist, denn ein musikalisches Thema liegt nahe und der Mann spricht sehr deutlich.

Ich nehme auf einem der bequemen Sitze hinter einer Schülergruppe Platz, deren gelber Schulbus, ein altes amerikanisches Modell wie man es aus diversen Filmen kennt, gleich vor dem Eingang parkt und bin beeindruckt - sowohl von den Musikern aus Mexiko City, als auch von deren Umgang mit der pubertierenden Schülergruppe. Man hat Spaß miteinander, was mich thematisch zum Keramikworkshop zurückführt.

Taller de ceramica…

Die Teilnehmer sind mit Feuereifer bei der Sache, arbeiteten praktisch ohne Pause und unterhalten sich blendend miteinander. Englisch ist hierzulande nicht sehr weit verbreitet, nur Felipe, der für den Workshop täglich aus dem ca. 60 km entfernten Uruapan anreiste und einige Jahre in den USA lebte, ist des Englischen mächtig und fungierte bereitwillig als Übersetzer. Mit einem Sprachmix aus Spanisch und Englisch, gewürzt mit etwas Deutsch kommen wir ganz gut über die Runden, das gemeinsame Modellieren und das sehr entspannte Ambiente erleichtern das Überwinden der sprachlichen Barrieren zusätzlich.

Das Colegio Jesuita ist ein sehr schöner Bau, die Jesuiten wussten wo und wie man herrliche Klöster errichtet. Neben den Ausstellungssälen ist eine Druckgrafikwerkstatt und die vom ebenso feschen wie umsichtigen, aber des Englischen leider ganz und gar nicht mächtigen Victor geleitete Keramikwerkstatt untergebracht. Im ehemaligen Klostergarten modelliert man quasi unter freiem Himmel und könnte theoretisch in den schöpferischen Pausen die herrliche Aussicht auf die Dächer und Kirchtürme der von Vulkanen umgebenen Stadt genießen, praktisch macht man von dieser Möglichkeit höchstens während einer Verschnaufpause beim steilen Aufstieg zur Werkstatt - Pátzcuaro wurde auf mehreren Hügeln erbaut und liegt immerhin auf 2135 m Seehöhe - oder nach getaner Arbeit Gebrauch.

Die TeilnehmerInnen wünschen sich, meine Technik kennen zu lernen, also modelliere ich zu Demonstrationszwecken eine frei stehende Frau. Dass es weit weniger anspruchsvoll ist, Büsten oder fragmentarische Figuren zu formen geht entweder im Sprachgewirr unter oder wird als zu geringe Herausforderung erst gar nicht in Betracht gezogen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass feuchter Ton zwar sehr viel mit sich machen lässt, aber zu rasches Aufbauen verzeiht er nicht. Auch mit pantomimischen Verrenkungen, unterlegt mit meinem spärlichen Spanisch kann ich die ehrgeizigen Teilnehmer nicht vor dieser Erfahrung bewahren. Als sich die Katastrophen dann ankündigen und einige Objekte beginnen, langsam aber stetig in sich zusammen zu sinken kommen meine bewährten Stützmaßnahme zum Einsatz: die zusammensackende Figur wird mittels Plastikfolie an ein stabiles, gerades Teil, egal ob Holz, Karton, Eisen oder was auch immer gebunden bzw. gestützt und eine Weile zum Antrocknen in Ruhe gelassen. So kann die Figur Haltung bewahren und die eventuell noch fehlenden Körperteile können bald angefügt werden – aber wehe man geht zu rasch wieder ans Werk! In diesem Fall kann auch die stabilste Stützmaßnahme eine massive Verdickung der unteren Extremitäten nicht verhindern. Entweder man akzeptiert diesen Zustand oder man entscheidet sich für einen Neustart. Felipe, mein Übersetzer, hat nochmals von vorne begonnen und ist mit seiner neuen Figur recht zufrieden.

Es besteht auch die Möglichkeit, Stützapparate temporär in die Figur zu integrieren, was bei Jaimes Skulptur der Fall ist. Am zweiten Workshoptag liegt es dann an mir, den sozusagen implantierten, aus Kopf und Rücken der Figur ragenden Holzstab operativ zu entfernen, was mir glücklicherweise und unter allgemeiner Anteilnahme gelingt.

Azul arbeitet mit viel Hingabe aber ohne längerfristige Stützmaßnahme. Ihre ambitionierte Figur liegt am Tag zwei geknickt auf dem Arbeitstisch, kann aber durch sofort eingeleitete Notmaßnahmen meinerseits wieder aufgerichtet werden. Die neue Stütze bleibt bis Tag drei, ab dann kann Azul‘s langbeinige Figur frei stehen und tut das höchstwahrscheinlich noch immer. Meine Künstlerkollegin Eulalia macht schöne Linolschnitte, beim Workshop entscheidet sie sich für eine Büste mit großer Standfläche und kommt ganz ohne Stützkonstruktion aus. Macario, ein junger Mann mit Rastalocken und erklärter Fan meiner Ausstellung, modelliert eine feingliedrige Frauenfigur mit großem Busen und ausgebreiteten Armen, währen Marco der Herr mit Baseballkappe und brüchigem Englisch an einem detailreichen Medusenkopf werkt. Silvia die Wirtin einer Pizzeria investierte viel Zeit in eine liegende Frauenfigur mit offenem Brustkorb und schwieriger Beinstellung sowie in ein mehrteiliges Objekt, das viel Interpretationsspielraum offen lässt und die hübsche Ana arbeitet drei Tage hingebungsvoll an einer sitzenden, von antiken Plastiken inspirierten Figur mit abnehmbarem Kopf. Hypatya, eine Fotografin mit künstlerischen Ambitionen formt einen fragmentarischen Samurai und findet großen Gefallen am Modellieren, Daphne investiert viel Zeit in eine Hand samt Gefäß und die kleine Camila, Pedros Tochter, ist überaus produktiv, mindestens fünf Objekte stammen von ihr.

Nach drei, wie im Flug vergangenen Tagen, einem herzlichen Abschied mit Gruppenfotos, lieben Worten und meiner auf Deutsch gehaltenen und von Daphne ins Spanische übersetzten kleinen Dankesrede, findet auch dieser Teil meines Projektes ein zufriedenstellendes Ende. Derli, der Boss des Colegio, lässt für jeden Teilnehmer eine Urkunde ausstellen, die ich bereitwillig unterschreibe. Meine Leitungsurkunde wird in großen Lettern auf repräsentativem Papier gedruckt, dafür ist von meinem Nachnamen nur das Feye übrig geblieben, für den unwesentlichen Rest meines sperrigen Doppelnamens war kein Platz mehr übrig. Die resolute Ilse bietet sich an, diesen Mangel beheben zu lassen, ein Angebot, das ich gerne annehme.

Meine weibliche Figur, auf deren knackigen Gesäß meine Signatur prangt, übergebe ich Viktor zur weiteren Betreuung. Sie wird vermutlich in den nächsten Wochen gebrannt werden und steht dann dem Centro Cultural Antiguo Colegio Jesuita zur Verfügung. im Gegenzug schenkt mir Viktor zum Abschluss ein hübsches Gefäß mit seiner Signatur, das zu Hause einen Ehrenplatz erhalten wird.

Mittwoch, 25. Mai 2016

Schon 11:57! Bald muss ich mich auf den Weg zu Ilses Büro machen, denn um 13:45 sind wir in Santa Clara del Cobre zum Essen eingeladen.

Gestern Abend gab es eine Einladung zum Tee bei Sonnenuntergang. Unsere Gastgeber sind erst vor einem Jahr aus dem hektischen Mexiko City nach Pátzcuaro, in das Elternhaus der Frau gezogen. Von der Terrasse des hübschen, auf einem Hügel gelegenen Hauses überblickt man den üppigen, liebevoll gepflegten Garten, einen Teil der Altstadt, des Sees und der Vulkanlandschaft, hinter der die Sonne eindrucksvoll untergeht. Links und rechts wird der Blick auf den Rest des Panoramas von zwei monströsen Häusern verstellt. Betuchte Gringos haben sich in Ermangelung jeglicher Bauordnung architektonische Wucherungen erlaubt, die nun meist unbewohnt auf dem idyllischen Hügel thronen und unseren Gastgebern die Aussicht verstellen.

Ganz anders, auch architektonisch, ist die Situation bei Eileen, die wir bei der monatlichen Cocktailparty für Pátzcuaros Zuwanderer - werbestrategische Überlegungen bewogen uns zu kommen - kennen lernen.

Mitten im Wald, ein gutes Stück außerhalb von Santa Clara, nur über einen steilen und ziemlich holprigen Weg erreichbar und durch zwei Tore geschützt liegt ihre Hacienda, ein Anwesen wie man es aus amerikanischen Filmen kennt. Fünf freundliche aber ziemlich verspielte Hunde tummeln sich im großzügigen Garten, einige, nur von unserer Gastgeberin gerittene Pferde (den Hausherrn plagen Kreuzprobleme, er spielt Golf, reiten ist für ihn kein Thema) grasen zwischen den Bäumen, in der großen Wohnküche zaubert die mexikanische Köchin ein köstliches Menü, das im Pavillon am Teich serviert wird...

Die Werbestrategie ist übrigens aufgegangen, zur Vernissage erscheinen auch einige Gäste der Cocktailparty, Eileen und ihren Mann werde ich morgen durch die Ausstellung führen.

Freitag, 27. Mai 2016

Eine unruhige Nacht war das. In einer Woche fliege ich zurück und habe noch keine Ahnung, wie ich mit meinem Sperrgut nach Mexico City komme. Ob man mich wie anfangs angekündigt hinfahren wird - und zwar mit einem geräumigen Auto in das auch die Kiste passt? Es stehen hier einige Pickups und Kombis herum und ich hab Ilse auch schon mitgeteilt dass ich mich selbstverständlich an den Fahrtkosten beteiligen würde. Bisher weiß ich nur dass es wegen der etwas komplizierten internen Verhältnisse bei CREFAL schwierig wird, ein größeres Auto samt Fahrer zu bekommen.

Und gespart muss auch werden.

Ich bin leicht nervös.

Auch die wummernde Musik, mit der die Siedlung heute beschallt wird, trägt das Ihre dazu bei. Die Mexikaner haben es gern laut. So wird beispielsweise an lauschigen Aussichtsplätzen das Autoradio voll aufgedreht, statt der schönen Aussicht wird der Anblick des Autos genossen.

Warum man dafür in die Idylle fährt ist mir ein Rätsel.

Samstag, 28. Mai 2016

Heute besuche ich endlich das Purepechamusem. Um 10:00 öffnet es offiziell, knapp davor begehre ich Einlass und werde gebeten, in einer viertel Stunde wieder zu kommen.

Hochmodern, interaktiv, schwach besucht, erst 5 Monate alt und museumspädagogisch auf dem neuesten Stand zeichnet es ein ideales Bild der Ureinwohner Michoacáns. Ein junger englischsprachiger guide erklärte mir die, vom hoch verehrten spanischen Bischof Vasco de Quiroga geprägte Welt der Purepechas und beantwortete geduldig meine Fragen. Dass die Purepechas vor der Christianisierung in Pátzcuaro und Umgebung gewaltige Tempelanlagen erbauten, in denen heidnische Sitten und Gebräuche gepflegt wurden, bleibt in der Ausstellung weitgehend unerwähnt.

Sonntag, 29. Mai 2016

Letzter Tag der Ausstellung, letzter Sonntagsausflug. Wir fahren rund um den Pátzcuarosee, kommen durch unzählige Dörfer. Bauvorschriften gibt es offensichtlich nicht, der architektonische Wildwuchs feiert fröhliche Urstände. Mancher Bauherr stellt mit verwegenen Erkern, Säulen und Rundbögen in den USA erarbeiteten Wohlstand zur Schau. Halbfertige Häuser, teilweise bewohnt, harren ihrer Fertigstellung.

Noch eine imposante Pyramidenanlage, gut erhalten aber leider geschlossen.

Dann Tzintzuntzan. Über der Stadt thront eine Tempelanlage. Darunter wird auf einem großen, von Touristen belagerten Markt traditionelles Kunsthandwerk angeboten. Mexikanische Städter fahren mit dem Bus auf Sonntagsausflug. Ein großzügiger Klostergarten mit prächtigen Bäumen aus aller Welt, jedes Exemplar besitzt eine eigene Biographie, geschrieben von Naturliebhabern, nachzulesen…wahrscheinlich im Internet.

Unter einem Olivenbaum hat sich eine Familie versammelt. Eine Frau rupft büschelweise Blätter ab, die sollen gegen irgendetwas helfen, wahrscheinlich Bronchitis.

In der prunkvollen Kirche kann man gekrönt werden. Unter Glockengebimmel setzt eine Frau den Schlange stehenden Ausflüglern für ein paar Sekunden eine silberne Krone auf das Haupt.

Das Kloster ist liebevoll renoviert, für bescheidene 15 Pesos kann man ein Museum besuchen, kaum jemand verirrt sich hinein.

Abbau der Ausstellung

Montag, 30.Mai, 10:00

Ich bin auf dem Weg ins Collegio. Im Vorbeigehen sehe ich Ilses weißen Pagenkopf aus dem Restaurant Lupita herausleuchten. Sie sitzt mit einem Fotografen und einem Kameramann beim Frühstück, war schon in der Ausstellung, möchte jetzt noch die Künstlerin bei der Arbeit dokumentieren lassen.

Die Bilder für die nächste Schau lehnen schon an den Wänden des Sala Alfredo Zalce, jederzeit bereit zur Hängung. Jetzt heißt es also, schleunigst die Wände frei machen.

Daphne hilft mir dabei. Gemeinsam packen wir die Rolle mit den Zeichnungen und die Objekte in ihre Kiste, die Skulpturen werden wieder im Rollkoffer verstaut. Wir schaffen den Abbau in einer guten Stunde. Ich erhalte noch eine offizielle Bestätigung, dass meine Ausstellung tatsächlich stattgefunden hat, auch das Zertifikat für den Workshop wurde noch einmal ausgedruckt, zwar nicht mehr auf Elefantenpapier, dafür mit meinem vollständigen Namen. Inzwischen ist die umsichtige Ilse wieder gekommen. In einer viertel Stunde würde der Laster hier sein und die Kisten in die Casita Nr. 12 bringen. Sie findet, dass die zwei Herren vom Colegio Geld von mir bekommen sollten. Sie schlage 200 Pesos für jeden vor, das gehöre sich so. Aha. Ich zahle, bedanke mich bei den Herren wofür auch immer, dann warten wir etwa zwei Stunden auf den bestellten CREFAL-Laster. Schließlich kommen drei Herren angefahren, verrichten die Ladetätigkeit und fahren mit meinen Kisten davon.

Die viel beschäftigte Ilse müsste längst wieder im Büro sein, besteht aber darauf, mich zur Casita zu bringen. Die Arbeiter würden sicher bereits untätig vor der Nr.12 stehen und auf Anweisungen warten und sie bekäme Schwierigkeiten mit Pablo, dem Verwalter, wenn da niemand wäre, um die Kisten in Empfang zu nehmen.

...

Aber da steht kein Pickup vor der Nr.12

Ich warte, halte Ausschau nach dem Laster, werde unruhig, meine Arbeiten werden irgendwo herumgekarrt…und dann kommen sie doch daher. Nach der schweren Ladetätigkeit war wohl eine Pause nötig.

Der erste Teil der Heimreise ist bewältigt.

Dienstag, 31. Mai 2016

Die Planungen für Teil zwei stocken etwas. Pablo, der Verwalter, würde ein Auto mit Fahrer für die Rückreise nach Mexiko City zur Verfügung stellen. Das sei kein Problem, die Chefin müsse nichts davon erfahren, hieß es ursprünglich.

Doch die Zeiten ändern sich, jetzt muss Pablo sehr wohl Meldung machen und die Chefin ist für Ilse nicht erreichbar, weilt vermutlich in der Hauptstadt, auch die Chefsekretärin hat keine Ahnung, wo sie sich aufhält, hieß es gestern.

Heute sehen die Dinge wieder etwas anders aus, die Chefin ist wieder aufgetaucht, morgen lädt sie uns zum Mittagessen ein, ich werde vermutlich per Nachtbus in die Hauptstadt reisen, Ilse wird mich begleiten, das Bus fahren mache ihr nichts aus, CREFAL würde die Fahrt bezahlen und ich würde die Reise mit den Kisten sicher nicht alleine schaffen. Soweit der heutige Stand der Dinge.

Mal sehen, was der morgige Tag zu bieten hat.

Es ist nun Punkt 12. Die Vögel zwitschern, in der Nachbarschaft wird irgendetwas angepriesen, der Gasmann macht wieder seine Runde, mit seiner Trompetenfanfare greift normalerweise die Kavallerie in Wildwestfilmen wilde Indianerhorden an oder eilt bedrängten Siedlern zu Hilfe.

Zwischendurch kracht es immer wieder ganz unvermittelt. Speziell in der Dämmerung und am Wochenende aber auch mitten in der Nacht sowie im Morgengrauen. Feuerwerksraketen? Fette Schweizerkracher? Schüsse? Gestern wurden in der Nachbarschaft wieder zwei vergewaltigte, ermordete Mädchen aufgefunden.

Hier ist ein Menschenleben nichts wert, sagt Ilse. Und trotzdem lebt sie schon so lange hier. Und trotzdem fühle auch ich mich hier, in der gated comunity, sicher. Tag und Nacht ist der Eingang bewacht und eine Stacheldrahtbewehrte Mauer umfasst die hübsche Anlage mit dem gepflegten Garten. Was, wenn da keine Mauer wäre? Würde ich dann auch bei offenem Fenster, alleine in der ebenerdigen Casita schlafen können? Wohl kaum. Hier einzudringen wäre ein Leichtes, aber es gibt sie ja, die schützende Mauer und die Wächter am Tor.

Pátzcuaro ist eine wunderschöne, beschauliche Stadt mit einer langen Geschichte und den für Michoacán typischen, rot gestrichenen Haussockeln. Das kulturelle Angebot ist vielfältig, ständig ist irgendwo etwas los. Die Menschen leben gern hier, auch etliche Gringos schätzen das angenehme Klima, die freundlichen Menschen, die schöne Umgebung und die günstigen Preise. Auch westlichen Touristen hätten die Stadt und ihre Umgebung einiges zu bieten, nicht nur im November, wenn die Toten gefeiert werden. Aber sie kommen nicht, weil sie sich fürchten, denn Mexiko hat ein schlechtes Image. Ob zu Recht oder nicht, kann ich nicht beurteilen.

Und plötzlich kracht es wieder.

Mittwoch, 1. Juni 2016

Ich war bei der Chefin zur Geschenkübergabe. Sie würde uns zum Essen einladen, hieß es ursprünglich. Daraus wird aber leider nichts, die Übergabe erfolgt zwischen Zwei Terminen in Ihrem Büro. Sie freut sich über das Objekt, ja, genau das habe ihr so gut gefallen, all diese Gesichter und so überaus lebendig.

Heute hat man wieder ein totes Mädchen gefunden.

Weitere zwei sind verschwunden.

Seit Jänner sind allein in Michoacán 175 junge Mädchen vergewaltigt und getötet worden.

Am Freitag findet eine Demonstration gegen das Morden statt.

Da sitze ich schon im Flugzeug

Eine Flasche guten Tequila für den Verwalter muss ich noch besorgen. Don Julio hat sich bewährt und einen Katalog bekommt er als kleines Dankeschön für die Möglichkeit in der Casita zu wohnen.

Heute Abend gibt es Buto - Tanz und Theater, dann folgt die letzte Nacht in diesem Haus.

Morgen wird gepackt, irgendwann muss ich Pablo, dem Verwalter seinen Schnaps übergeben, und dann werden wir mit dem Pickup nach Morelia zum komfortablen Nachtbus gebracht, der uns samt Sperrgepäck in die Hauptstadt bringen wird. Um 04:00 werden wir in Mexico City ankommen und gleich zum Flughafen weiter fahren... frühstücken…

Dann geht’s wieder heimwärts.

So weit der Plan.

Jetzt krieg ich Hunger, werde mir ein Brot machen.

Eigentlich wollten wir ja was kochen, Ilse wollte vor zwei Stunden gleich kommen…

Donnerstag, 2. Juni 2016

14:12 das Geschenk für den Verwalter Pablo ist abgeliefert, er selbst ist leider nicht da, seine überaus freundliche Vorzimmerdame nimmt es in Empfang.

Auch Ivan, dem Grafiker, der das Plakat und die Flyer gestaltet hat, hat einen Katalog bekommen.

Jetzt wird gepackt.

Aber langsam.

Zeit habe ich genug, wir werden ja erst um 22:00 nach Morelia gefahren.

Schuhe reinigen.

Schmutzwäsche platzsparend verstauen.

Sauberes kastentauglich zusammenfalten.

Souvenirs zuordnen und verpacken.

Pause machen.

Das nachmittägliche Gewitter samt Starkregen beobachten.

Erschrecken, weil es schon wieder kracht.

Das sei ein religiöses Zeremoniell, mit dem Maria verehrt wird.

Na gut.

Fünf intensive Wochen liegen hinter mir. Ich habe nur einen kleinen Teil von Mexiko kennengelernt, den aber umso eindrücklicher.

„La Bestia“ ist der Titel der gestrigen Buto – Aufführung. Ein kahlgeschorener, kalkweiß bemalter, fast nackter Mann erzählt in eigentümlich ungrazilen Posen von dem ebenso genannten Zug, auf dem jährlich tausende Flüchtlinge aus Mittelamerika versuchen, in die USA zu gelangen.

Für viel eine Reise in den Tod.

Die Bahnstrecke nach Nogales an der Grenze zu den USA führt durch Pátzcuaro

Um 20:00 gibt es dann im Pfarrsaal jenseits des Bahnübergangs ein Teatro Popular. Ebenfalls ohne Worte, dafür mit klassischer Musik und vollem Körpereinsatz entzücken zwei Clowns das zahlreich erschienene Publikum. Die Kinder sind sowieso gleich bei der Sache und auch die Erwachsenen haben nach einer Auftauphase sichtlich Freude an den Beiden.

Ich übrigens auch.

Die Rückreise

Nicht um 22:00, sondern schon um 21:15 steht der CREFAL Pickup vor der Nr.12.

Nicht nach Mexico City sondern ins nahe Morelia wird er uns bringen. Die Kiste hat auf der Ladefläche locker Platz, ich teile mir mit Ilse den Beifahrersitz. Nach 45 Minuten erreichen wir unser Ziel und winden uns erleichtert aus der Fahrerkabine.

Trotz später Stunde herrscht auf dem Busbahnhof reger Betrieb. Wir schleppen das Gepäck in die Wartehalle und warten auf den noblen Nachtbus nach Mexiko City. Müdigkeit macht sich bemerkbar, partiell geschlafen wird mit hoch gelagerten Beinen im komfortablen Bus.

Am Busbahnhof Observatorio sind größere Taxis Mangelware aber es gibt hier auch um 05:00 früh findige Gepäckträger und Taxis mit Dachträger. Für 300 Pesos wird die Kiste aufs Dach gehoben und mit Bedacht festgezurrt - und zwar quer, weil das Taxischild eine Längsmontage unmöglich macht, - der gewichtige Trolley mit den Figuren wird im Kofferraum verstaut, der rote Koffer nimmt auf dem Beifahrersitz Platz, wir steigen in den Fond und los geht’s zum Flughafen. Während der rasanten Fahrt habe ich die Kiste stets im Blick um ihren eventuellen Abflug nicht zu verpassen aber sie bewegt sich nur minimal und übersteht auch diesen Teil der Reise schadlos.

Am Flughafen ist schon viel los, und wir haben noch viel Zeit. Ich schleppe die Kiste und den Trolley zu einem Cafe gleich in der Nähe des Lufthansaschalters. Dort geht das Warten weiter, zunächst auf den Kellner, der uns gekonnt ignoriert, dann auf das Frühstück und schließlich auf Herrn Rainer.

Mit ihm geht’s dann hurtig zum Check in. Dass das Sperrgepäck bei der Rückreise teurer als bei der Hinreise sein soll, leuchtet auch dem erfahrenen Herrn von der Botschaft nicht ein aber Diskussionen sind zwecklos, am sturen Bodenpersonal prallen sogar Herrn Rainers stichhaltige Argumente ab. Obwohl es sich in keiner Weise verändert hat, kostet das Übergepäck jetzt statt 450.- satte 640.- Euro. Außerdem muss es kontrolliert werden und zwar an einer separaten Sperrgepäck Kontrollstelle am anderen Ende der Halle. Knapp aber doch passt der Trolley in den Scanner, die schlanke Kiste wird ebenfalls durchleuchtet und für unbedenklich befunden, mein Sperrgut darf also wieder zum Check in gebracht werden und verschwindet endlich in den geheimnisvollen Tiefen der Gepäckabfertigung.

Jetzt geht’s ans Abschied nehmen.

Es folgen die Passkontrolle, die Überlegung Duty free oder nicht, wenn ja, was? Parfum? Nein, lieber langsam zum Gate wandern...ein paar Umwege machen, Zeit verschwenden, denn davon ist nach wie vor genug vorhanden.

Jetzt ein Plätzchen im bereits gut gefüllten Wartebereich suchen und weiter warten.

Noch einmal auf die Toilette, noch etwas Bewegung, dann stehend in der Warteschlange warten.

Boarding.

Beef oder Chicken. Ich entscheide mich für das Hendl.

Nach drei Filmen, kurzen Schlafphasen und einigen Dehnungsübungen sind elf Stunden überstanden.

München.

05:00

Wo ist die Kiste?

Er brauche nur zum Hörer greifen erklärt mir der gesprächige Herr am Sperrgutschalter.

Schlecht seien die Arbeitsbedingungen hier, er möchte gar nicht ins Detail gehen aber früher sei alles besser gewesen. Heutzutage, die vielen Ausländer und auf die EU könne er verzichten...

Nachdem ich mich als überzeugte Europäerin zu erkennen gebe verstummt der Mann. Ich lade die Kiste auf einen Gepäckwagen, hole das restliche Gepäck vom Band und bewege mich zum Ausgang.

Ewald erwartet mich, wir packen Sack und Pack ins Auto und ab geht’s nach Linz.