Daheim, bei Hofingers
Margit Feyerer - Fleischanderl

Weil es nach dem Urlaub viel zu erzählen und einiges herzuzeigen gibt, trifft man sich heuer bei Hofingers zum Fotoschauen.

Harald und Elfi haben das Erdgeschoss im Haus seiner Eltern mit viel handwerklichem Geschick zu einer schmucken Wohnung ausgebaut.

Der neue Teppichboden ist ziemlich empfindlich, daher herrscht im Wohnzimmer Sockenpflicht. Neue Polstermöbel sind sich noch nicht ausgegangen, aber seine alten und die Fauteuils von seiner Schwester tun`s auch noch, findet Harald.

Elfi ist da anderer Meinung.

Jetzt sitzt man also gemütlich beisammen – nur Paul, ein Freund von früher bevorzugt es, zu stehen – und betrachtet vergleichsweise riesige Fotografien.

Urlaubserinnerungen in X- Large.

Bei dem Anblick kann man leicht ins Sinnieren kommen.

Auch praktische Überlegungen drängen sich auf:

Was kostet so was?

Wohin damit?

Zusammenrollen geht nicht.

Könnte man auch etwas Nützliches daraus machen?

Raumteiler?

Arbeitsplatten?

 

Harald hat es sich auf dem gestreiften Sofa bequem gemacht.

Er hat gerade noch verhindern können, dass Elfi das gute Stück zum Sperrmüll gibt. Auf diesem Sofa hat Harald praktisch seine Jugend verbracht, das kann man nicht so einfach wegwerfen!

Gerade hat er mit seinem Freund Fritz telefoniert. Er steckt im Stau auf der Westautobahn und wird sich etwas verspäten.

Harald hat einige Schwächen, eine davon ist sein Motorrad. Sich mit ihr, einer 750er Yamaha, in die Kurven legen, ihre Power zwischen den Beinen spüren …….

Einmal ist er dabei zu weit gegangen und sie hat ihn ziemlich unsanft abgeworfen: drei Wochen Krankenhaus, ein steifes Knie.

Aber es hätte auch schlimmer ausgehen können.

Seit dem Motorradunfall macht ihm das Knie beim Schifahren zu schaffen, trotzdem leistet er sich mit Elfi jeden Winter eine Woche Obertauern. Das muss drin sein, findet er.

Sie wohnen immer in der Pension Alpenglühen. Elfi hätte nichts gegen einen Ortswechsel, überhaupt könnte sie aufs Schifahren verzichten, würde gern unter Palmen überwintern, aber Harald will davon nichts hören, wo es doch so schön ist, bei uns. Tief verschneite Winterlandschaften, …..

Im Sommer waren sie auch einmal in Obertauern, aber das war irgendwie seltsam. Kein Schnee, kein Mensch, nur Riesenhasen.

Fremde Kulturen, fremde Sprachen, fremdes Essen braucht der Harald nicht. Obwohl – ab und zu geht er mit Elfi zum Türken auf ein Dürüm. Er war auch schon in der Türkei auf Urlaub.

(Echt günstig, und das Essen – fast wie daheim!)

Aber es muss einfach Grenzen geben, weil, wo kämen wir denn hin, wenn alle überall hinkämen?

Das wäre ja dann ein komplettes Durcheinander und der Mensch braucht schließlich einen Überblick.

Haralds Eltern sind viel unterwegs weil der Papa so gern Auto fährt. Die Mama fährt mit, damit nichts passiert.

Vor zwei Wochen ist Harald mit den Eltern auf den Großglockner gefahren, das hat er ihnen schon lang versprochen.Elfi wollte nicht mitkommen, obwohl sich die Eltern so gefreut hätten, über einen gemeinsamen Ausflug.

Das Wetter war herrlich und die Mama war ganz entzückt von den possierlichen Murmeltieren. Zur Erinnerung hat sie sich eine Murmeltiersalbe gekauft. Altes Hausmittel, hilft gegen fast alles.

Elfis Freude über die Anti Aging Salbe mit Edelweißextrakt hielt sich in Grenzen.

Die Koglers, Elfis Eltern, mögen die alten Hofingers nicht besonders.

Unverständlich, dass ihre einzige Tochter jetzt bei denen wohnt.

Koglers haben einen Stellplatz im Waldviertel.

Dort verbringen sie meistens ihren Urlaub.

Nicht zu Haus und doch daheim, das steht auf einem Wohnwagencouchpolster. Kreuzstich, Geschenk von der Oma.

Im Sommer wird gezeltet.

Bei jedem Wetter.

Das war schon immer so.

Elfi musste mitkommen, bis sie fünfzehn war.

Seither hasst sie das Waldviertel.

Ich will in die Wüste, sagt sie immer zum Harald.

Der sagt meistens nichts.

Vier Jahre gibt sie sich das jetzt schon.

Manchmal fragt sie sich, warum.

 

Herta, Otto, dessen Neffe Christian, Franz und Liesbeth, alles Freunde der Hofingers, sind aus Bad Ischl angereist.

Manchmal fahren sie ganz gern in die Hauptstadt, es gibt immer wieder was zu erledigen. Zu Ottos Leidwesen ist Christian der Tracht entwachsen und möchte jetzt „Krocha“ sein, was einen langwierigen Einkaufsbummel erforderlich machte. Jetzt sind sie alle ziemlich müde von der Reizüberflutung und haben an der Wand Platz genommen. Die Bergbilder interessieren sie nicht wirklich, Berge sehen sie ohnehin täglich, nur das Glocknerbild mit dem Kaiserpaar gefällt ihnen ganz gut, Franz und Liesbeth sind direkt hingerissen.

Lang können sie leider nicht bleiben, sie müssen heute noch zurück nach Ischl und der letzte Zug geht um halb zehn.

 

Paul betrachtet den Glockner sehr eingehend. Er liebt neuerdings die Schroffheit des Hochgebirges und hat diesen Sommer, gemeinsam mit seinen Bergkumpels, Viertausendsechshundert Höhenmeter überwunden. Den Glockner haben sie sich für nächstes Jahr vorgenommen.

So eine Expedition will gut vorbereitet sein! Man glaubt es kaum, was es alles zu bedenken gilt! Ausreichend Wasser und Proviant, Traubenzucker, Hüttenschlafsack, Oropax, Fleecejacke, Blasenpflaster, Feldstecher,… das sind bei weitem nicht alle Notwendigkeiten, die in den Rucksack müssen! Auch auf Extremsituationen wie Wettersturz , Platzangst, Schneesturm und Höhenkoller muss man vorbereitet sein!

 

Aber dieser Berg ist den Aufwand wert.

Paul ist sich sicher.

Sonja lümmelt auf dem blauen Möbel. Ihr ist fad. Sie kennt die Hofingers schon ewig, mit Paul spielt sie manchmal Tennis, Alfred ist ihr Nachbar und die Ischler kennt sie vom Hörensagen.

Nur dieser schweigsame Typ da drüben, ein Freund von Harald, ist neu.

Den Harald würde sie keine Minute aushalten, was findet die Elfi bloß an dem?

Der ist so ein Macho und, dass er auf Urviecher steht, macht ihn auch nicht besser.

Warum hängt man sich so ein pelziges Ungeheuer in die Wohnung?

Was ist das überhaupt??

Sonja möchte die Welt sehen.

Die Kondensstreifen am Himmel haben sie schon als Kind fasziniert.

So viele Flugzeuge, wo die wohl alle hinfliegen?

Je höher desto weiter, hat ihr der Papa erklärt.

Nach Amerika oder gar nach Australien?

Pilotin wollte sie werden.

Dann hat sie sich doch für was Adäquates entschieden: Bundes-Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik.

Die Reiselust ist geblieben.

Abheben, fort fliegen, möglichst weit weg von daheim!

 

Harald, der Patriot, versteht das überhaupt nicht und neulich haben Sonja und er so heftig gestritten, dass Elfi dazwischen gehen musste.

Angefangen hat es mit Haralds eindringlichen Hinweis auf die gesundheitlichen Gefahren des Fliegens, auf drohende Thrombosen, Wasser in den Beinen, Weltraumstrahlen, Infektionsgefahren und Katastrophen aller Art.

Sonja erwiderte, er solle sich doch nicht ins Hemd machen, es zwinge ihn ja niemand, in ein Flugzeug zu steigen.

Harald, nun schon etwas in Rage, appellierte daraufhin an Sonjas ökologisches Gewissen, erinnerte sie wortreich an Umweltverschmutzung, Ozonloch, globale Erwärmung, …worauf auch Sonja in Fahrt kam und feststellte, dass auf den Straßen die ärgsten Dreckschleudern unterwegs seien und besonders Motorräder verboten gehören, da sie nicht nur stinken, sonder auch lärmen und überhaupt eine Gefahr für die Allgemeinheit seien.

Hier musste Elfi einschreiten.

 

Sonja, die Unbelehrbare, will ans Meer.

Vor kurzem war sie in Barcelona, wegen dem Meer und wegen der RYANAIR.

Elfi wollte ursprünglich mitkommen, aber es ist sich dann doch nicht ausgegangen.

Die Stadt war ganz nett.

Spanisch halt.

Der Sinn des Bergsteigens hat sich Sonja noch nicht erschlossen.

Vielleicht kommt das noch, im Alter.

 

Auch Alfred ist gekommen.

Das freut die Hofingers, denn er hat nie viel Zeit.

Sie kennen Alfred schon lang, waren auch schon mit ihm auf Urlaub, aber in letzter Zeit hat er sich rar gemacht.

Um die Szenerie besser überblicken zu können, hat sich Alfred an die Wand begeben. Er möchte von da oben ein paar Fotos machen.

Auch er ist diesen Sommer in Österreich geblieben.

In den letzten Jahren war er viel in der Welt unterwegs.

Asien hat es ihm besonders angetan, aber heuer ist sich das nicht ausgegangen.

Dafür hat er ein paar super Bergtouren gemacht.

Das absolute Highlight seiner Österreichrundfahrt war der Großglockner.

Bei seinem Anblick werden imperiale Gefühle wach.

Ist es die dünne Luft?

Der Höhenrausch?

Egal, hier kann jeder Kaiser sein.

Aber auch der Rest der heimischen Bergwelt geizt nicht mit Reizen.

Lang ist er auf der Terrasse einer Alpenranch gesessen, hat ein paar Fotos gemacht, den Dachstein betrachtet und ist dabei direkt ins Sinnieren gekommen.

Warum zieht es die Menschen in die Berge?

Ist es ein Trieb, ein Zwang?

Steinschlag, Abgründe, Gletscherspalten, nichts kann sie aufhalten!

Der Trieb siegt meistens, denn das Ziel - der Gipfel - muss erreicht werden!

Und was dann?

Die Raucher rauchen eine Zigarette, zur Belohnung.

Was aber machen die Nichtraucher inzwischen?

Sie ärgern sich insgeheim über die Raucher, diese Luftverpester und der Belohnungsmüsliriegel schmeckt ihnen auch nicht mehr.

Ärgern hätten sie sich im Tal auch können.

Die Einsamkeit genießen geht nicht, wegen der vielen anderen Gipfelstürmer und das mit der Stille der Bergwelt haut auch nicht hin weil sich alle erzählen müssen, wie unbeschreiblich, dieses Gipfelgefühl und der endlose Panoramablick sind!

Dann reiht man sich in die Gipfelbuchschlange ein und mit dem Gipfelstempel wird der Gipfelsieg praktisch amtlich.

Nach dieser Amtshandlung verweilt man noch etwas, macht vielleicht ein paar Fotos von sich und dem Gipfelkreuz - damit man nicht ganz umsonst heraufgehatscht ist und man denen da unten beweisen kann, dass man tatsächlich oben war – und macht sich an den Abstieg.

Das dauert auch wieder ein paar Stunden.

Das war`s dann.

Warum tut man sich das an, fragt sich Alfred am Ende seiner Betrachtungen.

 

Mit Heimo könnte er diese Frage vermutlich klären.

Vielleicht kommen die zwei noch ins Gespräch, der Abend ist ja noch jung.

Derzeit fühlt sich Heimo nicht ganz wohl in dieser Runde.

Als Freizeitphilosoph sucht er das Wesen und den Sinn der Welt zu ergründen.

Darum, und weil ihn Harald eingeladen hat, ist er hier.

Die zwei haben sich neulich beim Kurvenwirt im Sölktal kennen gelernt.

Harald kam, um sich den Rausch der Geschwindigkeit und den Zauber der Fliehkraft zu gönnen, Heimo war zur philosophischen Feldforschung vor Ort.

Ein heftiges Gewitter zwang sie zur Einkehr. Man war sich auf Anhieb sympathisch.

Während sich draußen die Elemente austobten wurden drinnen diverse Männerthemen besprochen.

Das Gewitter war kurz, die Nacht wurde lang.

Nach ein paar Bier ging man thematisch in die Tiefe.

Kurz nach zehn wurde bei einem Tequila die Schönheit der Heimat gepriesen.

Um Mitternacht trank man Bruderschaft, danach widmete man sich zunächst heimischem Liedgut.

Dieser Fundus war rasch erschöpft und man wurde, vermutlich auch in Reaktion auf die ungewöhnliche Innenraumgestaltung, gesanglich international.

Eviva Espana, Speedy Gonzalez, ...

bei O Sole Mio war die Gaststube endgültig leer gesungen.

Der sentimentalen Phase wurde durch die resolute Wirtin ein jähes Ende bereitet.

Sperrstunde!