Facetten 07

Christoph Haunschmid

 

Geschichten über uns und die ganz anderen

Die Skulpturen der Margit Feyerer-Fleischanderl

 

Als ich - sagen wir einmal -  vor gut Ding zwanzig Jahren Margit Feyerer-Fleischanderl kennen lernte, arbeitete sie als Malerin und Grafikerin, interessierte sich für Fotographie. Alles Bereiche der Bildenden Kunst, die sich auf zwei Dimensionen bewegen. 2001 kamen die Figuren, Keramik, angeregt durch Freundin und Fachfrau Charlotte Wiesmann. Figuren aus der Umgebung, Porträts guter Freunde, nein eigentlich ja keine Porträts. Eher Prototypen, die von wirklichen, lebenden, Margit nahe stehenden Menschen inspiriert waren. Unterschiedlich waren die Reaktionen der „Nicht-Porträtierten“. „ja eigentlich bin ich ja ganz gut getroffen“, „hab ich wirklich schon so wenig Haare“. Im Wesentlichen ging es Margit nicht um Abbilder schon gar nicht der äußeren Wirklichkeit. Vielmehr um die Darstellung von Haltungen, Gefühlen, Einstellungen, die einen Typus repräsentierten. Manch einer der so „Nicht-Porträtierten“ entdeckte vielleicht zum ersten Mal Aspekte seiner Persönlichkeit, die er nicht vermutet hätte.
Oder von denen er nicht vermutet hätte, dass sie doch sichtbar oder zumindest spürbar sind. Margit förderte Verdrängtes zutage. Unsichtbares hinter dem Sichtbaren. Sehnsüchte und Wünsche ebenso wie scheinbar Vergangenes und Vergessenes.  Auch ich selbst erkannte mich und so manches, was ich nicht oder nicht mehr in mir vermutet hätte. Das fand ich spannend, virtuos und hochgradig sensibel.

Das drängt nach Verallgemeinerung, weg von den konkreten Vorbildern zu abstrakteren Figuren. Figuren, die keine Vorbilder brauchen, die keine konkreten Biographien haben. Die uns in der Stadt entgegen kommen, von denen wir nichts wissen, die aber alle ein Leben haben und genauso wie wir selbst eine Biographie.

Als nächstes das Bedürfnis nach Reduktion, die Fokussierung auf das Wesentliche einerseits und andrerseits, dem Betrachter mehr Optionen zu geben, Möglichkeiten zum Spekulieren, zum Phantasieren. Büsten entstanden, Im Winter andere als im Sommer, im Winter viel Kleidung, viel Vermummung, im Sommer viel nackte Haut, Schwimmer und ins Wasser Eintauchende. Da kommen auch  Aspekte des Verschwindens und des Auftauchens ins Spiel, Facetten der Bewegung. Margit machte Querschnitte, scheinbar willkürliche. Die Figuren wurden zu Fragmenten, reduziert auf ihre Einzelteile. Der Rest erahnbar. Da gibt’s die Frau mit dem roten Ärmel, mit der Sturmfrisur. Die ist offenbar in Eile. Rennt. Arrangiert man die Teile anders, dann stolpert sie oder liegt, zerfällt in ihre Bestandteile. Eine ganze Menge von Optionen. Aus der Reduktion ergeben sich Möglichkeiten zur Improvisation zur Bewegung, auch zur Freiheit.

Eine Parallele  zur Musik drängt sich auf: Der amerikanischen Jazzlegende Miles Davis wird das Zitat zugeschrieben, es ginge nicht darum möglichst viele  Noten zu spielen, es genügten die schönen. Das Zelebrieren der Pause als Spannungselement, die Reduktion als Spielwiese der Imagination des Betrachters respektive des Zuhörers.

Von der Komposition zur Improvisation. Von der Starrheit einer Momentaufnahme zur Bewegung. Man könnte auch einen Film draus machen oder zumindest eine Fotoserie. Die Bewegung und damit die Eroberung der Zeit als weiterer, vierter Dimension. Das Lösen der Figuren aus ihrer Starrheit. Reduktion als Fokussieren auf das Wesentliche, das Optionen öffnet, Denkmuster und Empfindungskategorien in Frage stellt.

Und noch was: Die Figuren, die durch die Wand gehen, oder  in die Wand, ohne  dass klar ist, ob sie auf der anderen Seite wieder rauskommen, ohne dass klar ist, was auf der anderen Seite ist, was sie erwartet, ob’s überhaupt etwas gibt auf der anderen Seite. Das Verschwinden als Möglichkeit. Mit dem Kopf durch die Wand, das Überwinden von Widerständen, das Kraft, Mut und Beharrlichkeit fordert. Das Abschiednehmen, das schmerzt, aber auch Chancen eröffnet. Die Familie, die irgendetwas oder irgendjemandem den Rücken kehrt. Zu einem Neubeginn, auf der Flucht vielleicht, oder auch auf der Suche nach einer besseren Welt, irgendwo in der Zukunft, irgendwo weit weg oder vielleicht auch irgendwo ganz nah.

Margit Feyerer-Fleischanderl erzählt uns Geschichten: ihre, unsere und die von ganz anderen.