Verborgen

Mag. Dr. Brigitte Reuthner,

Lentos Linz

 

  • etwas unsichere alte Dame an der Straßenbahnhaltestelle, die ihre Handtasche
    fest im Griff und die Passanten misstrauisch im Auge hat, weil, man hört ja soviel…
  • die Beamtin der Landesregierung; sie hat noch zwei Jahre bis zur Pension, pendelt täglich zwischen Gramastetten und Linz, schon der Vater hat die ÖVP gewählt, …
  • die ca. 40jährige Türkin mit Kopftuch und bodenlangem Mantel, die auch nach etlichen Jahren in Linz noch kaum Deutsch spricht…   (Margit Feyerer-Fleischanderl)

Woher kennt sie die Geschichten der verschiedenen Leute, frage ich mich. Ist es das, was ihr letzthin ihre Nachbarin erzählt hat oder was sie beim Friseur/Fleischhauer/Bäcker/Trafikanten erfahren hat oder hat sie das gar aus der Zeitung?
Sind es Projektionen? Ist es eine Gedankenspielerei? Jemanden zu sehen und sich zu überlegen, welches Schicksal der oder diejenige zu tragen hat?

Margit Feyerer-Fleischanderl ist selbst Linzerin. Von 1979 bis 1984 besuchte sie die Hochschule für Gestaltung in Linz, Meisterklasse für Malerei und Grafik. Seit 1985 ist sie freischaffende Künstlerin in Linz.

Feyerer-Fleischanderl ist mit der Stadt und ihren BewohnerInnen auf das engste verbunden. Sie hat sich nicht umsonst gegen eine Übersiedlung an die Gestaden des Rheins entschieden.
Sie ist darüber hinaus eine genaue Beobachterin. Die gesellschaftlichen Strukturen, die Geschichten und Geschichtchen, die persönlichen Schicksale ihrer Zeitgenossen sind ihr künstlerischer Nährboden. Somit können wir ihr journalistische Qualitäten nicht absprechen.

Dann setzt sie sich in das Atelier, erschafft tönerne Ebenbilder, die sie farblich fasst und die nun ihre Wohnung in einer Art Kollektiv bevölkern. Sie sind klein. Sie brauchen nicht viel Platz. Man kann sie rasch verpacken und dislozieren und wieder neu aufstellen. Und dabei stellt sich nun heraus: nicht alle vertragen sich miteinander. Die kleinen Zeitgenossen entwickeln ein gehöriges Maß an Eigendynamik, das jenen Kontrahenten einer systemischen Aufstellung vergleichbar ist. Das ist respekteinflößend. Getreu der Wirklichkeit nachgebildet handeln sie nun auch eigenmächtig.
Das ist so ähnlich wie mit dem Zauberlehrling.
Feyerer-Fleischanderl zieht an den Fäden ihres Marionettentheaters, ihrer Welt en miniature  und setzt die einzelnen Figuren zueinander in Bezug. Dabei überlässt sie nichts dem Zufall. Sie gibt mit ihren Figuren Anleitungen zu Geschichten, die jeder einzelne von uns selbst fertigerzählen kann.

Keiner ihrer Akteure wurde übrigens einem ästhetischen Ideal unterworfen und Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen können vorkommen, sind aber nicht vordergründig beabsichtigt. Ein Zug ins Ironische oder auch Karikierende lässt sich nicht vermeiden.
Daran dass ihr die Farbe so wichtig ist, erkennen wir die ausgebildete Malerin. Ohne die farbliche Fassung ginge es nicht. Damit lässt sie uns u.a. an die gotischen Madonnen und Heiligenfiguren denken, die auch farblich gefasst waren. Die Kleidung repräsentiert den Status, frei nach dem Motto Kleider machen Leute. Um die Sache noch illusionistischer zu machen, erhalten manche Figuren konkrete Biografien.

Margit Feyerer-Fleischanderl ist mittlerweile auf dem Weg der Reduktion. Anfangs waren die Figuren zusammenhängend und rundansichtig. Nunmehr werden sie immer fragmentierter, verdichtet auf das Essentielle. Sie ragen ausschnitthaft aus der Wand, an der sie befestigt sind und vermitteln dadurch umso mehr ein Moment der Spontaneität. Dadurch werden sie jedoch auch ortsgebundener.

Auf ihrer Suche nach Reduktion, nach Figuren, die nicht so konkret auf das Leben verweisen, befasst sich die Künstlerin neuerdings auch mit Drahtplastiken. Es entstehen sozusagen dreidimensionale Konturlinien, die man in die Hand nehmen kann und denen – im Gegensatz zu den Tonplastiken - ein Aspekt der Beweglichkeit anheim liegt. Licht und Schatten hauchen den Gebilden zusätzliches Leben ein.

 

Margit Feyerer-Fleischanderl zeigt Momentaufnahmen unserer gesellschaftlichen Struktur. Es sind Leute wie du und ich. Keine Wertung erfolgt und keine Gesellschaftskritik. Es ist vielmehr ein Reflektieren über Lifestyle, gesellschaftliche Konstrukte, Zeitgenossenschaft und dem „On-dit“ (dem Gerücht), das so inspirierend sein kann. Unsere Projektionen hauchen den „Kleinen“ so viel Leben ein. Unsere persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen werden zu ihrem Handlungsspielraum. Das, was sich in der großen Welt abspielt, wird bei Margit Feyerer-Fleischanderl zu einer kleinen Welt an Relationen und Handlungsläufen.

Was bleibt anzumerken?
Die tönernen Protagonisten sind aus dem prallen Leben gegriffen und im Augenblick ihrer Entstehung für immer erstarrt. Während sich das Umfeld verändert, wir und die Künstlerin immer älter werden, bleiben die Figuren wie sie sind (mit geringfügigen Veränderungen). Man könnte sie in eine Kiste verpacken und vergraben. Vielleicht gelten sie irgendwann als Zeugnisse einer vergangenen Kultur?
Dann werden sie wieder Geschichten erzählen. Dann werden sie erneut Nährboden von Projektionen sein. Dann werden sie die Phantasie künftiger Generationen anregen. Dann wird man sie vielleicht anthropologisch abhandeln und wissenschaftliche Berichte darüber verfassen, über das Leben im 21. Jahrhundert. Und, ist das etwa verwerflich?

 

Text: Brigitte Reutner