Laudatio auf Margit Feyerer – 22. Jänner 2016
Tom Pohl

 

Auf die Frage, wen Margit sich als Laudator wünsche, soll sie prompt geantwortet haben: „Den Tom.“ Was mich einerseits erfreute als ich es hörte, andererseits verwunderte, war Margit bislang zwar eine sehr gute Freundin, so kannte ich ihr Werk dafür aber peinlich wenig. Also gleichermaßen geehrt wie beschämt machte ich mich an die Arbeit. Und so kann ich nun sagen, dass ich froh bin, in meinem ersten Jahr in Linz 1991 die Aufführung „Himmel Erde Luft und Meer“ am Theater Phönix gesehen zu haben und leider damals noch nicht in Schwanenstadt gespielt und die dortige Ausstellung im Stadtturm verpasst zu haben. Dann kann ich zumindest behaupten, das Buch „Um 6 kommt Meier“ in Händen gehalten zu haben und zu meiner Entschuldigung sagen, dass viele von Margits Ausstellungen außerhalb von Linz stattfanden und ich bekanntermaßen ohne Auto lebe.

Und um mehr von Margit zu erfahren, trat ich den längst fälligen und schon lange versprochenen Atelierbesuch bei ihr an: In den schnörkellosen hellen Räumen nahm mich die Atmosphäre künstlerischer Konzentration und kreativer Präzision gleich in ihren Bann.

Rechts über dem Waschbecken hängt Margits „Horde“: Das sind Tierköpfe, verschieden lackiert, aus den Ecken von Schachteln gemacht. „Es gab so viele Schachteln“ meinte sie einfach. Einfach. Einfachheit. Ein wiederkehrendes Hauptwort, den Wunsch nach dem Weglassen im Gestalten bezeichnend.

Graphitzeichnungen aus dem Katalog hat sie mit dem Skalpell seziert und daraus dreidimensionale Bilder geschaffen.

Ihre Figuren schauen von den Wänden, schauen sich gegenseitig an, stehen in familiären Runden auf Podesten oder verschwinden teilweise im Boden. Langsam tauchen die Beweise der Ähnlichkeit unserer Arbeiten auf: Die berühmten „Würsteltellerbühnen“. Ich hoffe, Sie haben sie schon gesehen, denn sie zu beschreiben ist eine große Herausforderung. Auf dieses Wort konnten wir uns auch einigen: Wir stellen uns der Herausforderung und versuchen, “puh, das ist aber schwierig“ wegzulassen.

Also: Die „Würsteltellerbühnen“. Margit nahm einen Schwung der rechteckigen Würstelpappteller, schnitt aus jeweils einem eine Figur, eine Menschenmenge, ein Möbel, eine Lampe oder einen Hund aus dem gewölbten Rahmen und legte die Papp-Positive mit Abstand übereinander. Ergebnis: Dreidimensionale Szenerien mit schwarzen Umrissen. Szenerien von Menschen, die uns vertraut vorkommen, die wir näher kennenlernen oder lieber in Ruhe lassen wollen. Eine Szenerie sticht heraus: Farbige Figuren aus dem Kasperltheater in „Aktion“. Vorne und hinten koloriert. Was mir die Bemerkung entriss, dass, sollte ich am Linzer Kasperltheater tatsächlich eine Inszenierung machen dürfen, (er klopft auf Holz) ich sie als Bühnenbildnerin anheuern möchte.

Prominent im Atelier stehen Margits Graphitzeichnungen von Wellen: Große, bewegte, teils beunruhigende Wellen, die eine mit einem Schiffchen, die andere mit einer Figur. Das Schiffchen hat sie ziehen lassen, die Figur ist ertrunken oder an Land gegangen. Und da kommt sie wieder: „Die Einfachheit“. Der Wunsch, die Wellen noch lebendiger darzustellen, allerdings ohne Figuren, „die nehmen so viel Energie in Anspruch.“ Einfach, aber so, dass man „darunter auch noch was erahnen kann.“ Das eine Blatt ist leer. „Da wird es dann ruhiger“ meint Margit. Nach drei Wochen Urlaub auf Lanzarote mit Blick aufs Meer will sie die Linzer Wellen nun überarbeiten.

Der Bär von Tante Kathi stand Modell für die Handvoll gezeichneten Bären, die faszinierende Mimik zur Schau stellen.

Faszinierend sind auch die Drahtfiguren, bei der Margit probieren wollte, wie viel sie beim Zeichen weglassen und doch dreidimensional bleiben kann. Da hatte sie ihr Köfferchen dabei, war mobil und nicht ans Atelier gebunden.

Außerdem hat sie eine Zeit lang Karikaturen gezeichnet. Sie sagt: „Wenn ich die Realität 1:1 widergeben würde, da würden die Leute sagen, ich übertreibe total. Manchmal kann die Wirklichkeit die Phantasie übertreffen.“ So machen wir Bilder und Theater: „Erst die Idee, dann der Prozess, dann zufrieden sein und das Ergebnis präsentieren.“ Vereinfacht gesagt.

Ich habe Margit nicht gefragt, wie oft sie so einen Besuch im Atelier gutheißt, aber da sie dem Austausch mit Menschen aus allen Bereichen sehr zugetan ist, um „das Reservoir an den Zapfsäulen des Lebens wieder aufzufüllen“, so sehe ich gute Chancen für Sie.

Aber nun vom Atelier hierher. Hier bin ich sogar schon das zweite Mal. Die Figuren von Margit stehen hier das erste Mal. Liegt wahrscheinlich daran, dass die Räumlichkeiten noch nicht lange in Betrieb sind.

Manche Menschen haben sich in den ersten Figuren Margits erkannt und sich bei ihr dafür bedankt, sie abgebildet zu haben. Manche Figuren waren Auftragsarbeiten und bildeten ganze Familien nach. Wen sehen wir hier?

Da haben wir den Herren im Anzug, der vielleicht seinen Termin beim Dietmar Kalcher absagen muss und deshalb so grantig schaut.

Die Frau in Jeans mit Blümchen-BH. Aus sicherer Quelle erfuhr ich, dass die Frauen in ausgewählter Unterwäsche zur Massage kommen. Was den jungen Mann vielleicht verunsichert: Hat er ein frisches Höschen an? Oder schaut er in den Spiegel seiner Frisur wegen?

Bitte schauen Sie dem Herrn links im Raum „Erfolg“ von hinten auf die Beine: Es wäre schade, wenn Sie die filigrane Tätowierung übersähen. Und bei dem Blick auf den Herren, der eben aus der Sauna kam, kam ich nach dem Besuch in der Landesgalerie und Margits Atelier zu folgender, bedeutsamer Erkenntnis: Kubin konnte keinen Penis zeichnen, aber Margit kann tolle Pimmel formen!

Und da kommt er wieder, der Wunsch nach Einfachheit: Die nächsten Figuren möchte sie nicht mehr so genau bemalen, sondern mehr Fläche für eigene Gedanken lassen.

Jede und jeder hat eigene Gedanken zu diesen Figuren.

Der Gedanke, dass sich unsere Arbeiten ähneln, den fand ich am faszinierendsten: Wir beide arbeiten eine Zeit lang in geschütztem Raum, bis das Ergebnis dem Publikum präsentiert wird. Die eine für sich, mit allen Freiheiten, alles auszuprobieren, zu ändern oder gar zu verwerfen. Der andere mit einem Ensemble, im Idealfalle mit der Freiheit, alles auszuprobieren, zu ändern oder gar zu verwerfen. Wir diskutieren unsere Arbeit mit anderen (bis zu einem gewissen Grade). Margit sagt: „Meine Figuren sind ja auch Spieler. Bühnen und bewegliche Räume sind wichtig in meiner Arbeit, so zum Beispiel die Tellerbühnen. Wenn ich die Figuren positioniere sind sie sehr raumgreifend und interagieren und bieten Interpretationsspielraum.

“Wir haben manchmal Zweifel an unserer Arbeit und wissen nicht weiter. Wir haben feine Sensoren für Strömungen, Trends und Entwicklungen im Umfeld. Mit Erlebtem und Gesehenem füllen wir unsere Reservoirs auf, um das alles irgendwann zu verwenden.

Margit sagt: „Aus dem was ist, was zu machen, das erklärt es ganz treffend, aus dem was uns umgibt, was zu machen.

Zu schauen, was da kommt.Das ist uns ein wichtiger Antrieb.

“Bei dem intensiven Gedankenaustausch mit Margit hatte ich die ganze Zeit das schlichte Bild in weiß mit hellgrauen, dunkel konturierten Lettern vor Augen, die besagen:

„ES EILT

NICHT

“In diesem Sinne: Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und viel Vergnügen beim Schauen!