Kotka xtd

Eine ungewöhnliche Patenschaft, deren
betrübliches Ende leider nicht zu verhindern ist.

Von Margit Feyerer - Fleischanderl

 

6. Juni 2011, 09:45
Ein Anruf, unterdrückt, eine freundliche, leicht lispelnde Frauenstimme:
Wegen einer dringlichen Angelegenheit rufe sie an, ihre Organisation befinde sich in einer überaus schwierigen Situation, ein bestimmtes Projekt sei wegen schwerwiegender Komplikationen außer Kontrolle geraten, mehr könne, ja dürfe sie dazu leider nicht sagen. Für eine Patenschaft habe man mich auserkoren, in cirka 10 Minuten werde Kotka, die Katze, von fachkundigem Personal angeliefert, ich möge mich doch bitte für die Übergabeformalitäten bereit halten. Ziemlich groß sei sie zwar, aber auch überaus zutraulich und zart besaitet. Nur für ein paar Tage brauche man ein nettes, ruhiges Plätzchen für sie und ich könne mich geehrt fühlen, sie käme nicht zu Jedem. Nein, für das Tierheim sei sie nicht geeignet, man habe versucht, sie dort unterzubringen, die anderen Tiere seien bei ihrem Anblick hysterisch geworden und hätten fortan jede Nahrungsaufnahme verweigert. Eine Chance solle ich ihr doch bitte geben, an mein gutes Herz appelliere man, schöne Erfahrungen seien mit ihr zu machen und Futtergeld stelle man auch zur Verfügung, ein Ansuchen sei diesbezüglich zu stellen, die Kontaktadresse und nähere Instruktionen kämen in den nächsten Tagen per Post. Dann legt sie auf, diefreundliche Frauund ich stecke in der Zwickmühle:
Einerseits bin ich nicht besonders tierlieb, meine Erfahrung mit tierischen Mitbewohnern beschränkt sich im Wesentlichen auf einen depressiven Wellensittich und eine Gruppe Stabheuschrecken, deren Gemütslage mir verborgen blieb, außerdem bin ich mit einem Tierhaarallergiker liiert.
Andererseits hält man mich womöglich für unflexibel und herzlos, wenn ich diesem obdachlosen Geschöpf kein Asyl gewähre.
Um 10:05 sind sämtliche Formalitäten erledigt und Kotka sitzt in meinem Atelier. Stumm, starr und ziemlich unförmig fixiert sie mit ausgeprägtem Silberblick mehrere Punkte an der Zimmerdecke. Eine Katze ist das also. Einen Meter neununddreißig sind es von ihrer Vorderpfote bis zur Ohrspitze und die Barthaare fallen ihr aus. Drei Stück
habe ich schon gefunden, ein Viertes baumelt lasch an ihrer Schnauze.

In den ersten Tagen unseres Zusammenlebens ist mir Kotka irgendwie unheimlich, ich fühle mich von ihr beobachtet, gewöhne mich aber bald an ihre stille Präsenz. Tagsüber sitzt sie apathisch herum, sämtliche Annäherungsversuche meinerseits bleiben unerhört.
Da ich im Sinne einer artgerechten Haltung Kotkas Freiheitsdrang nicht unterbinden möchte, öffne ich am Abend ein Fenster und stelle mir vor wie sie nächtens behände über Fassaden turnt und im Mondschein elegant auf Dächern stolziert…
Vielleicht kann sie ja fliegen?!
Seltsam, Kotka rührt kein Futter an. Wird sie von Tierfreunden gefüttert oder macht sie auf ihren Streifzügen selbst Beute? Streunende Hunde vielleicht, Hasen, auch kranke, …Hühner oder gar Tauben?
Morgens sitzt sie stets regungslos und blütenweiß auf ihrem Platz und ignoriert mich. Versuche, Ihre Aufmerksamkeit mit akustischen Reizen zu erregen, schlagen fehl. FM4 und Ö3 versagen kläglich, auch Ö1 zeigt nicht die gewünschte Wirkung, nur bei einem Regionalsender schien unlängst ihr rechtes Ohr zu wackeln.
Um ihr auch optische Eindrücke zu bieten hieve ich sie auf ein Fensterbrett.
Ich schätze die Lage dieser Räumlichkeiten sehr, das rege Treiben auf der Kreuzung lässt sich von hier oben wunderbar überblicken, doch Kotkas Interessen scheinen anderswo zu liegen.
Manche Tiere stellen sich tot wenn Gefahr droht. Wie mache ich dieser blöden Katze klar, dass sie sich vor mir nicht fürchten muss?
Sie ist mir ein Rätsel, doch ich gebe nicht auf, irgendwie werde ich ihre Aufmerksamkeit erringen! Ich lese ihr vor, meist Zeitungsartikel, die sich mit tierischen Schicksalen befassen. Die Tierecke mit berührenden Katzenbiografien samt Fotos von zehn obdachlosen Stubentigern treibt mir Tränen der Rührung in die Augen, doch Kotka lassen sogar die tragischen Lebensgeschichten ihrer kleinen Artgenossen völlig kalt.
Sämtliche Versuche, dieses unnahbare Tier aus der Reserve zu locken geschweige denn ein gewisses Nahverhältnis aufzubauen scheitern.
Sogar meine liebevollen Streicheleinheiten werden ignoriert.
Ich bin deprimiert, habe das Gefühl als Patin versagt zu haben. Dabei würde schon ein kleines Zeichen der Zuwendung meine trübe Stimmung aufhellen!
Sie muss mir ja nicht gleich Blumen schenken.
Doch Kotka bleibt unerbittlich.
Dann, am Morgen des 13. Juni ist sie plötzlich verschwunden.
Spurlos.

Kotkas unerwartete Absenz macht mir deutlich, wie sehr sie mir in der kurzen Zeit unseres Zusammenseins ans Herz gewachsen ist. Ich vermisse Ihre stille, unaufdringliche Gegenwart, bin besorgt.
Am Nachmittag mache ich mich auf die Suche. In der Hoffnung auf ein Lebenszeichen befrage ich meine Nachbarn, Passanten, Schulkinder… vergeblich. Auch die Herren vor dem Würstlstand können mir nicht weiterhelfen.
Ein Plakat mit Kotkas Konterfei und der Bitte um Sichtungshinweise bringt genau so wenig wie ein kostspieliges Zeitungsinserat.
In der steten Hoffnung auf ein Lebenszeichen wandere ich durch die Stadt, dehne meinen Aktionsradius immer mehr aus….umsonst.
Keine Spur meiner stummen Freundin. Nichts. Der anonyme Anruf am Beginn unserer Patenschaft bleibt der einzige Hinweis auf Kotkas Herkunft. Was ist in dieser seltsamen Organisation schief gegangen?
Ich durchforste Zeitungsarchive, höre mich im Bekanntenkreis um, recherchiere im Internet, bin frustriert. Wohin ist sie nur verschwunden? Ein so großes Tier kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen!

Am Morgen des 16. Juni lässt mich eine kurze Notiz in einer lokalen Postille hoffen. Nachtschwärmer beobachteten eine riesige Katze, die bei Mondschein auf den Dächern der Neustadt herumspazierte. War das meine Kotka oder bloß eine optische Täuschung unter Alkoholeinfluss?
Das Sommerloch naht, die Presse beginnt, sich für die ominöse Großkatze zu interessieren, die Berichte von Sichtungen häufen sich. Eine lokale Tageszeitung schreibt von zwei monströsen Katzen, die im nächtlichen Hessenpark ihr Unwesen treiben. Zwei! Wie seriös ist dieser Bericht?
Ich versuche mehr zu erfahren. Der verantwortliche Redakteur beruft sich auf einen anonymen Informanten, dessen Aussage von Roswitha M., einer Linzer Pensionistin, die ihren Hund Herkules jeden Abend gegen 22:00 im Park äußerln führt, bestätigt wird. Riesig seien die Tiere gewesen, weiß, nie werde sie diesen Anblick vergessen, sogar Schäferhund Herkules habe sich gefürchtet…
In der Bevölkerung macht sich Verunsicherung breit, Eltern fürchten um ihre Kinder. Von Sichtung zu Sichtung wachsen die Katzen scheinbar, messen nun schon blutrünstige 2,30 m und haben angeblich ein Schulkind und mehrere Hunde angefallen.  

In den Morgenstunden des 21. Juni spitzt sich die Lage dramatisch zu. Die lokalen Frühnachrichten berichten aufgeregt von einer auf der Nibelungenbrücke sitzenden, riesigen weißen Katze. Das Monstrum blockiere die Fahrbahn, lasse niemanden an sich heran. Versuche, es einzufangen bzw. von der Fahrbahn zu locken seien fehlgeschlagen, selbst ein massives Polizei- und Feuerwehraufgebot könne der Situation nicht Herr werden. Das Tier habe eine Massenkarambolage unter Radfahrern verursacht, zwei deutsche Radtouristen seien beim Anblick des Ungetüms heftig erschrocken, zu Sturz gekommen und anschließend von weiteren sechs irritierten RadlerInnen übersehen bzw. überfahren worden. Fünf erheblich Verletzte wurden in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert.
Alarmiert schwinge ich mich auf mein Fahrrad und mache mich eilig auf den Weg zur Brücke. Blaulichter, Folgetonhorn, Uniformierte, Schaulustige… Ich nähere mich einer Menschentraube, ahne Schlimmes. Ein monströses Raubtier habe man soeben erledigt, erregt sich der beleibte Herr neben mir. Ich dränge mich klopfenden Herzens durch die aufgeregte Menge, strauchle, komme beinah zu Sturz, erblicke zwischen den Beinen der Gaffer eine strahlend weiße Vorderpfote… Kotka?
Mühsam richte ich mich auf - sie ist es!
Ein Loch klafft in ihrer Brust.
Meine Patenkatze ist nicht mehr.
Selbst im Tod bewahrt sie Haltung.
Von schwer bewaffneten Uniformierten wurde sie ermordet.
Scharfschützen“ raunt mir mein Nachbar zu.
Ich bekomme weiche Knie.

Nach diesem tragischen Vorfall kommen die Hintergründe der Tragödie nach und nach ans Licht: Die Verantwortlichen, führende Köpfe einer kunstbeflissenen Sozialeinrichtung, beschließen in einer lauen Mainacht ihre allseits beliebte, hoch betagte und entsprechend kränkliche Hauskatze von einem bulgarischen Künstler und vorgeblich einschlägig erfahrenen Klonexperten sieben mal reproduzieren zu lassen.
Leider scheitert der riskante Tierversuch an einem gravierenden Programmierfehler, die Klone geraten zu groß. Da das Experiment nicht behördlich genehmigt ist bzw. um gravierende Subventionskürzungen der öffentlichen Hand abzuwenden sieht man sich seitens der Verantwortlichen zu Vertuschungsmaßnahmen gezwungen. Für die missratenen Klone (ein ganzer Wurf misslang!) werden unter dem Deckmantel einer Tierpatenschaft geeignete Pflegeplätze bzw. Verstecke bei einheimischen Künstlern gesucht. Hoffend, dass das Schlamassel unentdeckt bleibe, überträgt man den willigen Kulturschaffenden für zwei Wochen die volle Verantwortung für die Tiere.
 
Natürlich wirft das Scheitern dieses fragwürdigen Experimentes etliche Fragen auf: Ist ein derartiger Tierversuch moralisch vertretbar? Waren sich die Verantwortlichen der Risken bewusst? Was sind die Folgen dieses verwerflichen Unterfangens und was dürfen Wissenschaft und Kunst?
Wird die künstlerische Reproduktion salonfähig, was geschieht mit den misslungenen Klonen?

Antworten auf diese und viele andere offene Fragen können bei einer direkten Begegnung mit dem so tragisch verschiedenen Katzenklon Kotka, dem von einem begnadeten Tierpräparator quasi in Windeseile neues Leben eingehaucht wurde, gesucht werden.